|
Da sich mitten auf der Hauptstrasse das Schotterbett einer Strassenbahnlinie befand, flogen jetzt nicht nur Flaschen, sondern ein Hagel aus Schottersteinen prasselte auf Glatzen und Bullen nieder. An einem Möbelgeschäft gingen die Scheiben zu Bruch. Die Bullen trieben die Skins in eine Seitenstrasse. Als die Glatzen aus unserem Blickfeld verschwunden waren, gingen die Uniformierten auf uns los. Um mich herum brach Panik aus. Das war Streetfight pur! Überall wurde geworfen, geschossen (Leuchtkugeln) und geknüppelt. Inmitten einer Gruppe von ungefähr hundert Punx rannte ich die Haupstrasse hoch, zur nächsten Kreuzung, bloss weg von diesem Horror!
Was war denn das? Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Mitten auf der Kreuzung hockte ein einsamer Cop auf seinem blubbernden Motorrad und versuchte mit viel Gottvertrauen, anders kann man sich diese Kamikazeaktion nicht erklären, die heranstürmende Punkerhorde zu stoppen. Oh je, dachte ich, wenn das mal gut geht. Ging es natürlich nicht. Zwei Punks, einer davon so gewaltig wie ein altdeutscher Kleiderschrank, stürmten laut brüllend auf das Motorrad los. Offensichtlich hatte das den Cop so beeindruckt, dass er keine Sekunde an einen Rückzug dachte, sondern voll in die Scheisse tappte. Dabei hätte er nur Gas zu geben brauchen und wäre weg gewesen. Statt dessen machte der menschliche Kleiderschrank einen gewaltigen “Bruce-Lee”-Sprung, und kickte ihn von der umstürzenden Maschine. Au weia!
Und nun geriet der Cop in Panik. Zumal er sich allein auf weiter Flur befand, seine Kollegen waren ja noch am Aegi beschäftigt, und ein Steinhagel auf ihn niederging. Er riss hektisch seine Knarre aus dem Halfter, machte ein paar Schritte in unsere Richtung, zog sich dann aber hinter den Betonpfeiler einer Hochstrasse zurück. Die entsicherte Waffe auf die anstürmende Menge gerichtet. Da ich mich ziemlich vorne aufhielt, ging ich erst mal hinter einer Telefonzelle in Deckung. Sollte der Cop plötzlich durchdrehen und in die Menge ballern, wollte ich nicht unbedingt in seiner Schussrichtung stehen!
In diesem Moment sackte Crazy neben mir auf den Boden. “Alter, ich kann nich’ mehr”, röchelte er mit schmerzverzerrtem Gesicht und zitternden Gliedern. “Die Bullen ham mir gerade voll in die Nieren geknüppelt. Ich bin total fertig!” Auf allen vieren robbte er hinter einen Verteilerkasten und kotzte sich fast die Seele aus dem Leib. In diesem Tumult versuchten ein paar durchgeknallte Punx den auslaufenden Sprit der umgekippten Maschine anzuzünden.
In diesem Moment tauchte aber schon laut brüllend des Staates Knüppelgarde auf. Aber diesmal waren es SEK-Bullen, die bis dahin kaum in Erscheinung getreten waren. Keine Knarren, aber dafür lässig aufgekrempelte Hemdsärmel, leichte Stiefel, enge Lederhandschuhe und ultralange Hartholzknüppel, mit denen sie ohne zu zögern auf die flüchtende Menge einschlugen.
Dabei geriet ihnen auch ein Pressefotograf unter die Knüppel. Überall ertönte das grelle Geheule von Sirenen. Krankenwagen rasten mit zuckenden Blaulichtern durch das Chaos. Dann wieder die dumpf klirrenden Geräusche von Steinen, die in Schaufensterfronten einschlugen. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Die ganze Atmosphäre war so voller Hass und Violence, wie ich es noch nie erlebt hatte. Bedrohlich, aber irgendwie auch wieder irreal. Ein paar Autos und ’ne Telefonzelle gingen noch zu Bruch, und dann war auf einmal Ruhe. So schnell wie die Bullen aufgetaucht waren, hatten sie sich auch wieder in die umliegenden Seitenstrassen verpisst.
SAMSTAG: AUF DER WIESE AM “JZ-GLOCKSEE” (von Sven)
Bis zur “Glocksee” blieb es ruhig. Dort angekommen, warf sich erst mal alles erschöpft auf die grosse Wiese neben dem Jugendzentrum. Da vorläufig kein Stress zu erwarten war, ging ich mit einigen Punx zu einem Supermarkt an den Hochhäusern, um dort Bier zu kaufen. Wir hatten es uns gerade mit unseren Six-Packs vor dem Supermarkt gemütlich gemacht, als plötzlich jede Menge Passanten an eine Brüstung rannten, von der man das Gelände der „Glocksee“ überblicken konnte. Also war da schon wieder etwas los. Schnell wurden die restlichen Bierdosen verteilt und wir sprinteten zur Wiese zurück. Wir kamen gerade noch zur rechten Zeit. Wenige Minuten zuvor hatten die Bullen einen jungen Punk zusammengeknüppelt und ihn an den Haaren mit dem Gesicht nach unten über Rasen und Strassenasphalt gezerrt und ihn mit Handschellen gefesselt in eine der Wannen geworfen. Das hatte sich natürlich blitzartig herumgesprochen. Drei- bis vierhundert Punks waren jetzt in breiter Front auf der Wiese aufmarschiert. Und unten auf der Strasse spuckten immer mehr Bullenwannen ihre unifomierte Fracht aus.
Auf einmal tauchten auch wieder diese SEK-Bullen in unserem Blickfeld auf, mit denen wir schon am Aegi Bekanntschaft gemacht hatten. In der einen Hand die langen Hartholznüppel, in der anderen runde schwarze Schutzschilder, so bauten sie sich in knapp zweihundert Meter Entfernung in einer dicht gestaffelten Kette vor uns auf. Auf einmal schob sich ein Punk mit einer umgehängten Landsknecht-Trommel zwei drei Schritte vor die angetretenen Punx, und begann mit weit ausholenden Armbewegungen das Trommelfell zu bearbeiten. Von einer Sekunde zu anderen lag so was wie Grabesstille über der Wiese. Total geiler Sound! Nur das harte Dröhnen dieser Trommel war zu hören. Bum! Bum! Bum! Der Punk trommelte einen Marschtakt, wie man ihn aus Filmen über den 30jährigen Krieg kennt. Und als hätten die Punks nur darauf gewartet, rückten sie in einer breiten Linie von mindesten 100 Meter gegen die Bullen vor. Eine tierische Spannung hing in der Luft. In den Hochhäusern auf der anderen Seite der Iehme standen überall Menschen auf dem Balkon, viele von ihnen waren mit Ferngläsern ausgerüstet. Es musste auch ein Superbild abgegeben haben, so aus der Höhe gesehen, wie sich die Reihen aus Punx und Bullen langsam aufeinander zubewegten. Bis auf siebzig Meter näherten wir uns den Bullen, als die ersten Flaschen und Steine flogen. Das war dann wohl das Signal. Die leichtfüssigen SEK’ler gingen zum Angriff über. In breiter Linie stürmten sie auf uns zu, dabei rythmisch mit den Knüppeln auf die Schilder klopfend. Nur wer das schon mal erlebt hat, kann nachempfinden, was das für ’ne beeindruckende Musik ist. Da knallt dir der blitzartig ansteigende Adrenalinspiegel fast die Schädeldecke weg. Unser Stein- und Flaschenhagel konnte die Cops nur für wenige Augenblicke auf Distanz halten. Für ein paar von denen war der Dienst trotzdem gelaufen. Doch jetzt sah es für uns übel aus. Die Bullen, es wurden immer mehr, trieben uns mit ihren Knüppeln bis zur „Glocksee“ zurück. Ich rannte mit ungefähr zweihundert Punx in den Innenhof. Kaum waren wir drinnen, sperrten die Bullen die Zugänge ab. Scheisse, wieder saßen wir in der Falle. Draussen auf der Wiese prügelten die Cops wie bescheuert auf die Menge ein. Das Feindbild, von ihren Vorgesetzten in unzähligen Schulungen bis zum Erbrechen eingeimpft, liess ihren Aggressionen freien Lauf. Manch ein besoffener Punk wurde so äusserst schmerzhaft aus dem Schlaf gerissen.
Einer dieser Punx wurde an den Haaren hinter einen Baum gezerrt und bewusstlos geschlagen. Als die Cops von ihm abliessen, konnte man ihn vor lauter Blut kaum noch erkennen. Jetzt gerieten einige der Prügelcops in Panik, denn der Typ rührte sich kein bischen mehr. Nach zehn Minuten kam endlich ein Notarztwagen und brachte den Bewusstlosen in ein Krankenhaus. Die üble Knüppelei ging noch ’ne Weile weiter, dann zogen sich die Bullen plötzlich zurück. Vorher gab es aber noch einen grossen Lacherfolg, als ein Punk splitternackt und mit erhobenen Händen durch eine der Bullenketten spaziert war. Aber dann herrschte endlich Ruhe. Alle warteten auf das Konzert, und auf die Nacht, die heiss zu werden drohte. Wie heiss, das konnte ich da noch nicht ahnen.
Bis zum Abend wurde gesoffen und wurden Adressen ausgetauscht. Andere verzogen sich mit ihrer neueroberten “grossen Liebe” ins nächste Gebüsch. Gegen sechs fing das Konzert an. Es spielten “ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN, ALTE KAMERADEN und die BOSKOPS. DISORDER sollten auch noch spielen, aber dazu kam es nicht mehr. Obwohl es draussen noch hell war, wurde die Nacht “eröffnet”!
 Bild oben und unten: Barrikade am Engang zum “JZ-Glocksee”.
Wärend drinnen in der Glockseehalle das Konzert lief, hatte ein Haufen Punx im Durchgang Richtung Goetheplatz zwei Autowracks umgekippt und als Barrikade umfunktioniert. Irgendwie war das ja ziemlich hirnrissig, denn nach hinten raus, da wo sich die Wiese befand, war ja zu beiden Seiten hin alles offen. Aber diese Typen waren so durchgeknallt, dass sie durch nichts mehr zu stoppen waren. Wie von Sinnen prügelten einige von ihnen mit Eisen- oder Holzstangen auf die zerbeulten Autowracks ein. Überall auf den Dächern und in den Fenstern der “Glocksee” hockten Punx, die sich mit Steinen und Flaschen bewaffnet hatten.
SAMSTAG: DIE LAGE ESKALIERT (von “Bolle”)
Da niemand wusste, was uns die nächsten Stunden bringen würden, zog ich erst mal mit ein paar Kölner Punx in eine griechische Pommesbude in der Nähe vom Goetheplatz. Trotz der vielen Bullenwannen, die inzwischen rund um die “Glocksee” aufgefahren waren, konnte man nämlich das JZ um diese Zeit noch ungehindert verlassen. Die Cops zeigten zwar starke Präsenz, waren aber sonst auffallend zurückhaltend. Sogar als vor dem JZ ein paar Flaschen auf eine vorbeifahrende Wanne flogen. Zu zurückhaltend, wie mir schien, irgendwas war da im Busch. Als wir nach ner halben Stunde zurückkamen, ging es in der “Glocksee” zu wie in einem Ameisenhaufen. Alles rannte wie wild durcheinander. Viele Punx waren inzwischen mit Knüppeln oder Eisenstangen bewaffnet. Plötzlich ging im Innenhof das Auto des JZ-Leiters, der an diesem Wochenende verreist war, in Flammen auf.
Die Feuerwehr kam und löschte. Als sie wieder abrückte, wurde sie von einer Horde Punx mit einem Flaschenhagel verabschiedet. Kurz nach dieser Schwachsinnsaktion wurde das Gelände um die “Glocksee” von den Bullen hermetisch abgeriegelt. Keiner wurde mehr raus- oder reingelassen. Und immer mehr Bullen fuhren draussen vor. Und zum ersten mal war jetzt so was wie Panik auf vielen Gesichtern zu erkennen. Besonders bei den ganz jungen Punx. Einer von den Kids sass total aufgelöst auf dem Boden und wimmerte ständig “Ich will hier raus. Scheisse! Ich will hier raus”.
Um mich herum herrschte die totale Anarchie. Es bildeten sich zwei starke Gruppen, die einen wollten ausbrechen und zum Bahnhof ziehen, andere wollten in der relativen Sicherheit der “Glocksee” bleiben und abwarten. Vielleicht würde sich ja alles wieder beruhigen. Aber die Situation heizte sich statt dessen immer mehr auf. Im Jugendzentrum und draussen auf der Strasse. Vor und hinter dem JZ waren inzwischen Wasserwerfer aufgefahren. Unsere Lage wurde immer aussichtsloser. Und die Bullen begannen den Ring immer enger zu ziehen. Mindestens 800 Punx befanden sich im Innenhof und in der Halle der “Glocksee”.
Die allgemeine Hektik und Panik steigerte sich. Ein paar Leute verloren die Nerven und warfen Molis. Die Antwort kam in Form von Tränengasgranaten. Jetzt war es zu spät für einen Ausbruchsversuch. Auch hinten raus über die Wiese ging nichts mehr. Die Punx an der Barrikade schlugen jetzt ununterbrochen mit ihren Knüppeln, und was sie sonst für Waffen hatten, auf die umgestürzten Autowracks ein. Diese Gedröhne machte mich fast wahnsinnig. Das ganze wirkte auf mich wie ein 3D-Actionsfilm im Kino. Durch die Dämmerung hatte das ganze einen unheimlichen, wenn nicht gespenstischen Beigeschmack. Ich hatte noch nie so einen Hass auf die Bullen wie in dieser Nacht. Es war wie im Krieg! Beide Seiten fanatisch und voller Hass und Ekel. Inzwischen war eine Horde Punx in die Wohnung des JZ-Leiters eingedrungen. Betten, Schränke, Stühle, Fernseher, Stereoanlage - alles was nur greifbar war, wurde zu Wurfgeschossen umfunktioniert und nach draussen auf die Bullen geworfen. Die Bullen antworteten mit dem Wasserwerfer. Sie richteten die scharfen Wasserstrahlen auf die Fenster und trieben die Punx aus der überfluteten Wohnung. Die Strasse vor der Glocksee ähnelte jetzt mehr und mehr einem Schlachtfeld. Immer wieder stürmten Gruppen von Punx laut brüllend, Flaschen und Steine werfend hinter der Barrikade vor und versuchten in Richtung Goetheplatz auszubrechen. Aber Wasserwerfer und Gasgranaten der Bullen trieben sie wieder hinter die Barrikade zurück. Es ging hin und her, bis die Bullen die Schnautze voll hatten und die Barrikade stürmten. Alles flüchtete in Panik auf den Innenhof der Glocksee. Das war der Moment wo ich mich mit einigen Leuten von der Düsseldorfer Kierfernstrasse auf die Suche nach einem geeigneten Versteck machte. Denn wenn die Bullen das JZ stürmten, und damit war jetzt jede Minute zu rechnen, würde es Prügel für alle geben.
SAMSTAG: DIE “GLOCKSEE” WIRD ZUM KNAST (von Günter)
(GRAFIK: Doppelseite aus demFALSCHMELDER # 6). In dem tumultartigen Durcheinander, dass nach dem ersten Bullenangriff entstanden ist, verliere ich Crazy und die anderen Düsseldorfer aus den Augen. Als es dann heisst, die Bullen hätten angefangen die “Glocksee” abzuriegeln, verpisse ich mich mit ein paar Punx über die Wiese in Richtung des Flüsschen Ihme. Am Ufer entlang geht es 100 Meter durch dichte Büsche, einen kleinen Park, bis wir eine Hauptverkehrsstrasse erreichen. Himmel, was geht denn hier ab, schiesst es mir durch den Kopf, als ich auf der Strasse stehe und die gewaltige Kolonne von vergitterten Mannschaftswagen, Krankenwagen, Scheinwerferbatterien und Wasserwerfer an mir vorbeiziehen sehe. Was wollen die Bullen hier abziehen? Etwa Krieg gegen die Punks führen, oder was soll dieser bürgerkriegsähnliche Aufmarsch? Fünf Mannschaftswagen scheren aus und bleiben auf der anderen Strassenseite stehen. Die Türen fliegen auf und Bullenkolonnen trampeln rythmisch mit ihren benagelten Kampfstiefeln über das Strassenpflaster. Scheisse, mir wird schon wieder schlecht - wie oft schon an diesem Tag? Ich setze mich auf eine Bank am Strassenrand, bin am ganzen Körper am zittern. Vor Wut, vor Hass, und vor Angst um meine Freunde, die jetzt im JZ festsitzen. Die Bullen schwärmen aus, bilden eine Kette, dicht an dicht stehen sie da und versperren die Wege, die aus dem Jugendzentrum raus führen. Funksprechgeräte quäken entnervend durch die Nacht. Punks, die aus der “Glocksee” raus wollen, werden zurückgeschickt. Hier und da, wenn es ihnen nicht schnell genug geht, helfen die Bullen mit ihren Knüppeln auch nach. Scheinwerfer flackern auf und tauchen das Gelände hinter der “Glocksee” in helles gleissendes Licht. Auf der Wiese hinter dem Jugendzentrum sind hunderte Bullen aufmarschiert. Ich kann mir das nicht länger reinziehen, wenn ich mich nicht bald verpisse, dreh’ ich noch durch. In diesem Moment bin ich froh, dass ich den Tag über kaum Alkohol getrunken habe. Nüchtern kann ich wenigstens noch meinen Hass und meine Wut unter Kontrolle halten. Ja, ich bin voller Hass, den das Gefühl von totalen Ohnmacht nur noch verstärkt. Eine Gruppe Punks steht vor der Polizeikette. “Verstehen sie denn nicht”, schreit ein junges Mädchen einen der Bullen an, “zwei Strassen weiter steht unser Auto. Wir wollen doch nur weg, raus aus Hannover, zurück nach Braunschweig!” “Hier kommt keiner durch”, erwiedert ungerührt der Bulle. “Das is’n Befehl!” “Scheisse! Was sie hier machen ist Freiheitsberaubung!” schreit ein Punk. “Wo leben wir denn hier?” “Das kann ich ihnen gleich zeigen”, grinst der Bulle und schlägt zu. Ich begreife nicht die Sturheit dieser Bullen. Begreife nicht, dass man mit dem Anlegen einer Uniform das Gefühl für Menschlichkeit ablegt. Mir reicht es jetzt. Ich drehe mich um und verschwinde. Bloss weg von hier. Irgendwo halte ich ein Taxi an und lasse mich zu meinem Pennplatz fahren.
SAMSTAG: MIT DEM BOOT ÜBER DIE IHME (von Louis)
Scheinwerfer tauchen das Gelände des Jugendzentrums in taghelles Licht. Von überall her Schreie und Tumult. Wir (Bolle, Crazy, Maria, Gühli, Oigen und ich) hatten gerade einen Versuch gestartet das JZ zu verlassen. Uniformierte wiesen uns gehässig grinsen zurück: “Hier kommt jetzt keiner mehr raus. Jetzt kriegt ihr was ihr braucht!” Wir versuchen es über das Dach einer Lagerhalle, doch dann versperrt uns eine Eisentüre den Fluchtweg. Uns tränen die Augen: Gas! Bald ist die Halle der “Glocksee” voller Rauch, man sieht nichts mehr. “Zusammenbleiben, bleibt zusammen, Leute!” Irgendwie schaffen wir es wieder ins Freie zu kommen. Die Leute rennen in Panik durcheinander. Das Tränengas kommt jetzt von überall her, und immer mehr Punks flüchten sich in die Halle. Rücksichtslos ballern die Bullen ihre Gasgranaten in die Jugendlichen. Ein Bulle schiesst mit dem Tränengasschussgerät in eine Gruppe und trifft einen Punk voll in den Bauch. ‘Haste gesehen, wie ich den getroffen habe, der ist zusammengeklappt wie ein Taschenmesser’, brüllt der offensichtlich erfreute Bulle seinem Kollegen zu. Ein Mädchen neben mir weint, ihr Freund ist spurlos verschwunden. Ich werfe einen Blick über die brennenden Barrikaden: Die Bullen rücken vor, mit ihren Schlagstöcken auf die Schilder trommelnd. Hier trommeln die Punks auf die Barrikade und unten trommeln die Bullen. Horror! Da fällt uns ein, wie wir vielleicht doch noch aus dem Chaos entkommen können. In der Halle lag doch irgendwo ein Ruderboot. Die Seite zur 20 Meter breiten Ihme ist nämlich noch offen. Wir finden das Boot trotz der Dunkelheit in einer Ecke der verrauchten Halle. Jemand pennt in dem Ding. Als der Schläfer sich zu langsam erhebt, helfen wir ein wenig nach, und schleppen dann das Boot zirka 50 Meter durch die hysterische Menschenmenge zum Ufer der Ihme. Überall Panik und Schreie. Es ist wie im Krieg! Wasserwerfer zerstören nun systematisch die Fensterscheiben des Jugendzentrums. Das Ufer der Ihme wird von Scheinwerfern angestrahlt, doch wir erreichen es ungehindert.
Dort stossen wir auf eine Gruppe Punks, die sich in einem zugemauerten Abflussrohr versteckt haben. Einer von ihnen hat sich beim Zurückwerfen einer Gasgranate beide Flossen verbrannt. Er muss unbedingt in ein Krankenhaus. Wir beschliessen erst mal die eigenen Leute aus dem Inferno rauszubringen, dann wieder zurückzupaddeln, um noch mehr rauszuholen. Scheisse, erst jetzt merken wir, dass wir gar keine Paddel haben. Die liegen noch bestimmt irgendwo in der Halle, aber dorthin zurückzukehren, dazu ist es jetzt viel zu spät. Also paddeln wir einfach mit den Händen los, und werden krachend gegen Betonwand getrieben. In der Mitte des Flusses steht der morsche Kahn halb voll Wasser. Verdammt, ein Leck, so gross wie eine Faust. Bis auf drei Meter kommen wir an das andere Ufer heran, dann saufen wir ab. Klatschnass und vor Aufregung zitternd kriechen wir an das Ufer. Gott sei Dank, wir haben es geschafft. Wir sind raus aus dem Jugendzentrum, das im weiteren Verlaufe der Nacht von den Bullen zu einem Jugendknast umfunktioniert wurde. (Siehe hierzu den Comic “Der Kiefernmob haut ab”. Weiter unten!)
DAS NACHSPIEL (von Sven)
Sonntag morgen. Beim Aufstehen taten mir alle Knochen weh. Muskelkater, Knüppelschläge in den Rücken, in den Nacken, da kam natürlich einiges zusammen. Kurz bevor die Bullen vergangene Nacht das JZ abgeriegelt hatten, bin ich mit Antje und Crazy gerade noch rausgekommen. Wir sind dann mit der Strassenbahn zu unserem Pennplatz gefahren. Als wir an der "Rotation" (Disco) vorbeikamen, sahen wir, wie gerade zwei Punks von einigen Prolls auf's Maul bekamen. Wir wollten gerade aus der Bahn springen, als sich cirka 20 Türken auf die Prolls stürzten, und die platt machten. Sonntag mittag ging es nochmal in die City. Am Bahnhof war nix los. Höchstens 100 Punks. Also latschten wir zum Opernplatz, und hier war dann doch einiges mehr an Leuten versammelt. Viele Punks humpelten oder waren verbunden. So nach und nach kamen dann auch die Leute vom Bahnhof. Irgendwer hatte eine Billiardkugel dabei. Zwei Tore wurden gesetzt und Fussball gespielt. Alles war friedlich. Auf einmal sprang die Kugel gegen die geöffnete Tür einer Bullenwanne und hopste dann in den Wagen. Alles hielt den Atem an! Würde das etwa als Angriff gewertet? Doch nix dergleichen. Ein Bulle reichte uns die Kugel freundlich lächelnd zurück. Es war so als sei gestern nix gewesen. Am Montag ging es dann früh morgens wieder in Richtung Heimat. Die Strassenbahnfahrt zum Bahnhof war echt lustig. All die Bild lesenden Leute auf dem Weg zur Arbeit. Ich glaube, so hasserfüllt hat uns noch nie jemand angeschaut, wie in jener Strassenbahn an dem Morgen nach den Chaos-Tagen in Hannover.
NACHTRAG
Wie schnell man in Hannover auf der "falschen" Seite landen konnte, beschrieb Benny R. vom "Wurstkopf"-Fanzine aus Dortmund.
"Sah dich wohl auch in Hannover, stand da nur leider auf der falschen Seite. Wir waren nämlich nach einer kleinen Fete bei mir, sprich einem tierischen Besäufnis, plötzlich mit der Schnapsidee aufgebrochen, die "Chaos-Tage" in Hannover zu besuchen. Also ab, zehn Skins, Six-Pack und Whisky pur. Freitag haben wir dann bei so einer Skin-Frau gepennt, wo schon 20 30 andere Skins hausten. Am Samstag habe ich dann auf der Suche nach was essbaren die anderen aus den Augen verloren, was finden mein Kollege und ich stattdessen? Die gesamte Naziskinhorde, laut "möh" schreiend, von Bullen eingepfercht. Als sie uns sahen, grosses Hallo und Oi!-Rufe. Die Bullen natürlich sofort auf Zack, packen uns ein, Stiefel ausziehen, Personalien überprüfen etc. und dann stecken sie uns zu dem grossen Haufen, der uns auch promt mit grossem Hallo aufnimmt. Tja, ich versuche noch mich rauszumogeln, aber bekomme fast von zwei total genervten Bullen eins drauf und muss in der Glatzenkolonne mitlaufen. Das ging echt so weit, dass der ganze Trupp warten musste, wenn mal einer unter "Polizeischutz" pinkelte. Tja, dann musste ich mir noch geschlagene zwei Stunden die Nazikacke anhören, bevor ich bei der Aegischlacht ungeschoren abhauen konnte. Wäre ja echt das allerletzte gewesen, wenn ich für diese Säcke noch einen draufgekriegt hätte."
Tja, Leute, wie verhält man sich in so einer Situation, das ist die grosse Preisfrage. Irgendwie läuft man als Skin doch immer in Gefahr von irgend einer Seite auf's Maul zu kriegen. Entweder von nix raffenden Punx, für die man auf Grund seiner Glatze sowieso ein Nazi ist, oder von Faschoskins, für die ist man ein Verräter - oder von den Bullen, die ja man grundsätzlich überhaupt nix denken, sondern sofort draufknüppeln.
(Aus FALSCHMELDER Nr. 7 / 1985)
Auch das gehört zur Wahrheit über die “Chaos-Tage”! So...
 Der legendäre Chaos-Tag Comic von BIA BIAFRA. (Aus dem FALSCHMELDER Nr. 6 / 1984)
|