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EINLEITUNG
Der folgende Bericht über die Chaos-Tage 1984 erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern beschreibt die Ereignisse, die sich am 3. und 4. August 1984 in Hannover abgespielt haben, aus der Sicht von Leuten, die an jenem Wochenende dabei gewesen sind. Und nicht aus der Sicht von Leuten, die uns heute gerne glauben machen wollen, dass sie damals dabei gewesen wären. Das ganze wurde erstmals im Herbst 1984 in meinem Punkfanzine FALSCHMELDER (# 6) veröffentlicht. Daran beteiligt waren Sven B. aus Köln, “Bolle” aus der Schweiz, Louis “Trinker” aus Düsseldorf und ich. Die Jungs haben mir wenige Tage nach den Chaos-Tagen ihre Erlebnisse erzählt, und ich habe dann ihre und meine Erinnerungen für das Fanzine zu Papier gebracht. Um die Authentität der alten Story zu erhalten, habe ich mich so weit wie möglich an den Originaltext von 1984 gehalten. An einigen Stellen wurden aber zum besseren Verständniss der Ereignisse ein paar Textpassagen eingefügt oder abgeändert. Da die “Chaos-Tag”-Ausgabe des FALSCHMELDER (bis auf das rote Cover) auf gelben Papier gedruckt und auch das Druckbild nicht das allerbeste war (Drucktechnisch die schlechteste Ausgabe in meiner “Karriere” als Fanzinemacher), hatte dadurch auch die Qualität der Fanzinefotos gelitten. Ich habe sie trotzdem eingescannt, denn gerade sie dokumentieren einige Szenen der Chaos-Tage so authentisch und hautnah, wie nur wir sie erlebt haben. Aber nun zur Sache! Nachdem die Chaos-Tage ’83 so elend in die Hose gegangen waren, stand auch 1984 unter keinem guten Stern. Schon Monate vor dem Treffen wurde auf diversen Flugblättern zum blutigen Showdown in der Innenstadt von Hannover aufgerufen. Drohten die Skinheads, das Treffen zu Tausenden aufzumischen und “den dreckigen Punkermob aus der Stadt zu fegen”, so riefen die Punks zum ultimativen Endkampf gegen die “Naziskins” auf. Natürlich wollte da die antifaschistische Szene Hannovers nicht zurückstehen, und verkündete, dass man mit den Punks die “Nazis aus der Stadt jagen” würde. Von wegen “jagen”. Als es so weit war, überliess die ANTIFA die Strasse den Punks und verbunkerte sich in Erwartung irgendwelcher Nazi-Atacken feige in ihren Häusern. Kurz gesagt, es war eine Einheitsfront von linken und rechten Arschlöchern, einschliesslich mich, die sich da mit ihren Hassparolen gegenseitig hochgeschaukelt hatten.
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Flugblätter zum Chaos-Tag
Am Ende führte diese ganze paranoide Panikmache zu einer bis dahin nie gekannten Gewaltbereitschaft unter den mehr als zweitausend Punks, die sich am 4. August 1984 in der Innenstadt von Hannover aufgehalten haben. Nicht weniger explosiv und aggressiv war die Stimmung unter den Glatzen, die sich zur gleichen Zeit am Aegi versammelt hatten. Und dass sich die Polizei nach den üblen Erfahrungen des Vorjahres nicht durch besonders grosse Zurückhaltung auszeichnen würden, war den meisten von uns klar. In dieser durch die wildesten Gerüchte noch zusätzlich aufgeheizten Atmosphäre, mal waren fünfhundert, mal tausend Skins im Anmarsch, dann wieder hiess es, die Bullen hätten einen dreizehnjährigen Punk totgeschlagen, brauchte es nicht mehr viel, um diesen brodelnden Hexenkessel zur Explosion zu bringen. Auslöser der Gewalt waren aber nicht die zersplitterten Scheiben in Bank- und Versicherungsgebäuden; das alles hielt sich in Grenzen. Auslöser war die Kundgebung “Gegen Faschismus und Gewalt” der GABL (Grün Alternative Bunte Liste) Mittags auf dem Opernplatz, und der anschliessende Rückzug der Punks zum Jugendzentrum “Glocksee”. Fakt ist: Die Instrumentalisierung der Punks durch die linke Szene Hannovers war für den Verlauf des Treffens absolut tödlich. “Wir hätten die Politscheisse der GABL nicht mitmachen dürfen”, bekannte einige Jahre später mein alter Kumpel Karl Nagel. “Mit unserem Aufruf zur Teilnahme an der GABL-Demo sind wir den Bullen ins offene Messer gelaufen”.
Günter Gruse, im Dezember 2007
 Von rechts nach links: “Elend” aus M-Gladbach und Günter Gruse vor dem HBF in Hannover.
DIENSTAG - DONNERSTAG (von Sven)
Es war einmal im November im Jahre des Herrn 1983, da brachte uns die Deutsche Bundespost die ersten Flyer über die Chaostage 1984 ins Haus. Ei der Daus, dachte ich mir, da wollen sich die Pankas doch nicht schon wieder gegen unseren demokratischen Rechtsstaat auflehnen? Okay! Wie es weiterging weiss jeder selbst. Die Nachricht von dem Treffen verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Welt. Ich bin am Dienstag vor dem besagten Wochenende mit dem Zug in Hannover eingerollt. Am Bahnhof waren höchstens 25 Punx, das Wetter beschissen, es regnete, und auch für die nächsten Tage wae Regen angesagt. Aber bloss kein Verdruss aufkommen lassen, dachte ich mir, schliesslich war schon Wochen vorher zu hören, welche Massen von Punx in Hannover auflaufen würden. Die nächsten beiden Tage vergingen mit Warten auf den grossen „Ansturm“ der Punkermassen. Doch als selbst am Donnerstag gerade mal 150 Leute den Bahnhofsvorplatz bevölkerten, machte sich doch ein kleiner Anflug von Entäuschung bei mir breit. Hatten sich die Punx etwa von den Gerüchten über riesige Nazihorden verängstigen lassen? Am späten Nachmittag kam dann endlich ein wenig Bewegung in die spärliche Menge. Mit viel Getöse und Gegröhle stürmten unser Gruse, sein Freund Crazy und die anderen Düsseldorfer Chaoten (Molli, Gühli, Imperator, Oigen, Balduin, Maria, Floh, Louis und Mario) aus der Bahnhofshalle. Zur Begrüssung folgte erst mal ausgiebiges Saufen. Nachts ging es dann mehr oder weniger besoffen zu unseren Pennplätzen.
FREITAG: DAS VORSPIEL (von Sven)
Meine Befürchtungen vom Vortag waren unbegründet. Am Freitag war das Wetter plötzlich astrein, die Sonne schien, und siehe da, es ging los. Aus allen Himmelsrichtungen strömten die bunten Horden am Bahnhof zusammen und die Begrüssungsszenen wollten kein Ende nehmen: „Ey, Alta, du auch hier? Geil!“ Eines durfte an diesem Tag natürlich nicht fehlen, die obligatorische Festnahme! Ich stiefelte also frohgemut mit zwei Flaschen Bier in der Hand die Passerellentreppe hoch, stand doch da so ein gelangweilter Bullentrupp auf der Treppe, in ihren Kampfanzügen schwitzend, und dabei neidisch auf mein Bier linsend. Auf einmal stänkerte mich so ein grüner Oberstinker an: „Los, heb’ die Dosen auf!“ Ich dachte, ich hör’ nicht richtig. Der gute Mann verlangte allen Ernstes von mir, dass ich die Treppe von Hunderten von Bierdosen räume? Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich Flaschbier-Trinker bin, und da man selbst bei allergrösster Anstrengung weit und breit keine leeren Bierflaschenen erblicken kann, könne ich wohl nicht der Urheber der leeren Dosen sein. Meine Argumente schlugen bei dem Grünbefrackten jedoch nicht ein: „Heb’ die Dosen auf, sonst setzt’s was.“ Als ich ihm erklärte, dass ich auf keinen Fall gewillt sei, zur Personalauffrischung der Hannover’schen Müllabfuhr beizutragen, wurde ich äusserst unsanft mitgenommen. Zum Glück nicht zur Wache, sondern nur zu ’ner Wanne. Dort dann das übliche Spielchen, Ausweiskontrolle, Taschen ausleeren, und so. Doch dann die Härte: Der freundliche Staatsdiener forderte mich auf, meine Stiefel auszuziehen. Ich als wahrer Menschenfreund versuchte ihn noch vor seinem Unglück zu bewahren, indem ich ihn freundlich aber bestimmt drauf hinwies, dass ich seit ’ner Wochen auf Tour sei und demzufolge seit ’ner Wochen nicht zu Hause war und demzufolge seit ’ner Woche nicht in die Wanne gekommen bin und dass demzufolge meine Füsse einen herb-kräftigen Geruch ausstrahlen würden. Der Mann wollte jedoch nicht auf mich hören, und so wurde ich zehn Sekunden später äusserst unsanft aus dem Wagen geschmissen - und meine Stiefel hinterher. Da habe ich mir dann vorgenommen, vor jeder Demo das Füssewaschen zu unterlassen, um im Falle eines Falles eine beschleunigte Freilassung zu ermöglichen.
 Freitag Nachmittag am Hauptbahnhof
Um halb fünf ging es los! Die erste Randale. Fast zur gleichen Zeit wie letztes Jahr. Unten in der Passerelle wurde ’ne Alte von den Cops festgenommen, und wie auf Kommando stürmte eine brüllende Horde Punx die Treppe runter. Ein gutes Dutzend Bullen verschanzte sich in einem Treppenaufgang hinter ihren Schildern. Sprechchöre dröhnen durch die unterirdische Einkaufspassage: „Bullen verpisst euch, niemand vermisst euch!" Andere Punx brüllten so sinnige Poesiealbensprüche wie „Deutsche Polizisten, Mörder und Faschisten!" Die Unsicherheit auf den Gesichtern der Bullen verwandelte sich in pure Aggressionslust. „Alle Vergasen, das arbeitsscheue Gesindel!" brüllte ein angesoffener Spiesser. „Geht doch nach drüben, ihr Kommunistenschweine!"
Bevor er sich hinter den Bullen verkriechen konnte, bekam er von Molli noch auf’s Maul. Ein Stein torkelte wie in Zeitlupe durch die Luft und krachte mitten in die Schaufensterscheibe eines Supermarkts. Die ersten Flaschen flogen in Richtung der Bullen. Doch bald kam Verstärkung und trieb alles wieder nach oben auf den Bahnhofsvorplatz. Jetzt war es erst mal vorbei mit der himmlischen Ruhe, die den ganzen Nachmittag über geherrscht hatte.
Zu allem Überfluss meldeten sich auch noch ein paar Skins zu Wort, ca. dreissig Mann und ein paar Frauen. „Sieg Heil!“ hier, „Nazis raus!“ da! Steine und Flaschen flogen, dann die ersten Festnahmen. Nach einiger Zeit wurden die Skins von den Bullen weggebracht. Danach entspannte sich Lage. Überall wurde wieder friedlich gesoffen und Erlebnisse vom Vorjahr ausgetauscht.
So gegen halb sieben zog dann alles zum Opernplatz, manche Punx mussten allerdings getragen werden. Dort blieb es bis auf ein paar Scharmützelchen am Rande ziemlich ruhig. Die Lage war mittlerweile vollkommen unübersichtlich, wo man auch hinsah, überall nur Punx! Um halb acht allgemeiner Aufbruch. Die Baghwan-Disco sollte gestürmt werden, und dort war auch die erste Schlacht mit den Bullen zu erwarten. Wir gingen zuerst Richtung Bahnhof und die Bullen dachten wohl, dass wir dorthin wollten, und rannten schon mal vor. Doch dann zog plötzlich alles geradeaus durch einen Tunnel, an der Spitze höchstens noch 6-7 Cops. Tja Jungs, Scheisse! Im Tunnel fing alles an zu gröhlen und zu singen. Ein ohrenbetäubender Lärm. Da wir an der Spitze gingen, konnten wir zum erstenmal die ganze Meute überblicken. Dass waren mindestens tausend Punx. Ein Anblick, den man nie wieder vergessen kann! Hinter dem Tunnel ging an einem Auto ’ne Scheibe mit ’nem NPD-Aufkleber zu Bruch, die Bullen - ja, die paar Mann - griffen ein und versuchten den Steinewerfer festzunehmen. Der Junge machte sich davon, und ein einzelner Bulle wetzte hinter ihm her. Hinter einer Litfaßsäule kriegte er ihn zu fassen. Der Punk konnte sich jedoch losreissen und der Bulle bekam's von anderen gut aufs Maul.
 In der Nähe der “Baghwan-Disco”
Dann tauchten die anderen Cops auf, sprühten mit Gas um sich und schlugen wahllos auf einzelne Punx ein, die blind vom Gas durch die Gegend torkelten. Ein Punk bekam den Knüppel mit voller Wucht quer ins Maul und verlor jede Menge Zähne. Auch Reporter wurden geschlagen, einer der Cops brüllte ständig "Nicht fotografieren!", dann kam Verstärkung, jetzt zum erstenmal mit so lange Holzknüppel. Alles rannte in Panik auf 'ne Wiese, die Cops hinterher. Und jetzt ging das Chaos erst richtig los! Wir rannten in ein Wohnviertel. Überall klirrten Scheiben. “POLIZEI - SA - SS” brüllte es hasserfüllt aus unzähligen Kehlen. „Knüppeeel frrreeeiii!" kreischte es hektisch aus dem Lautsprecher einer Bullenwanne. Sirenen jaulten. Es war wie in einem Bürgerkriegs-Film. Steine krachten auf Autos. Mülltonnen rollten scheppernd auf die Strasse. Überall Lärm, Chaos, Schreie! Und jetzt kam bei mir zum erstenmal das bekannte Demo-Feeling auf. Komisches Gefühl im Magen und schweissnasse Hände. Angst? Ja klar, wenn man die eingeschlagenen Fressen von Kumpels sieht und daran denkt, dass einem das selbe passieren kann. Aber abhauen? Niemals! Nach einiger Zeit hatten die Cops die Lage wieder im Griff und wir zogen uns zum Bahnhof zurück, die Baghwan-Disco war eh von unzähligen Wannen umstellt. Am Bahnhof wurde erstmal ausgiebig relaxt und Bier getankt. Kurze Zeit später zog alles zum JZ „Glocksee“. Endlich mal in Ruhe saufen, hiess die Devise. Überall lagerten Punx auf der Wiese, es müssen Hunderte gewesen sein. Im Hof wurde ein riesiges Feuer angezündet. Das Schlimmste bzw. das Lustigste war, dass die Gerüchteküche auf Hochtouren brodelte. „Ey, haste schon gehört, gerade sind 200 englische Skins angekommen!“ oder „Mann, morgen kommen fünf Busse mit französischen Skins!“ usw. Echt zum Lachen. Aber manche Leute liessen sich von dieser Faselei beinflussen und redeten von nach Hause fahren. Gerade die Jüngeren, die zum erstenmal dabei waren. Aber zu guter Letzt war dann doch alles besoffen und pennte.
 Die Wiese am “JZ-Glocksee”
SAMSTAG: EINGEKESSELT AUF DEM OPERNPLATZ (von Sven)
Samstag morgen. Ich hatte in Nagels WG gerade mal drei Stunden gepennt. Die Düsseldorfer hatten fast die ganze Nacht in der Küche gesessen und gefeiert. Mir war schon beim Aufwachen ganz komisch, so 'ne merkwürdige Art von Nervosität hatte mich fest im Griff. Was würde dieser Tag bringen? Wer bekam heute auf’s Maul? Wir, die Skins oder die Bullen (was ehr unwahrscheinlich war)? Wieviele Leute würden wohl da sein? Na ja, dachte ich mir, man wird sehen, erst einmal frühstücken und dann ab in die Stadt, und schauen was abgeht. Als wir nach vielen Umwegen und Bullenkontrollen endlich den Bahnhof erreichten, traf mich fast der Schlag: Das konnte doch nicht wahr sein. Sämtliche Nationalitäten und Hautfarben waren hier vertreten. Italiener, Spanier, Franzosen, Portugiesen, Belgier, jede Menge Holländer und Briten, und ein wilder Haufen total besoffener Wikinger aus Norwegen und Schweden. Sogar aus Kanada, den USA, Australien und Japan waren einige Punx angereist. Der absolute Wahnsinn. Gegen elf zog der bunthaarige Mob vom Bahnhof zum Opernplatz, auf dem gegen halb zwölf eine Demo der GABL („Grün Bunte Alternative Liste“) gegen “Gegen Faschismus und Gewalt” ablaufen sollte. Auf dem Opernplatz angekommen, fiel zuerst der Lautsprecherwagen der GABL ins Auge (und Ohr), aus dem gerade laute Punkmusik dröhnte. Die Zahl der Punx konnte man gar nicht mehr abschätzen, es waren zu viele. Und von Minute zu Minute wurden es mehr. Aus allen Himmelrichtungen strömten sie auf dem Opernplatz zusammen. Auch ein paar Glatzköpfe stiefelten mit unsicheren Blicken, und weisser Armbinde durch die Menge. Mit der Armbinde wollten sie sich von den “Nazi-Skins” absetzten. Na ja - Geschmackssache. Ich fand’ ich es ziemlich albern, mit so einem Fetzen am Arm durch die Gegend zu laufen.
m Am Opernplatz.
Auf den Eingangsstufen des Opernhauses warteten bereits die Düsseldorfer, und ich nahm mit ihren mein erstes Bier des Tages in Angriff. Gruse hockte an eine Säule gelehnt auf dem Boden und fummelte mit mürrischem Gesicht an seiner Kamera herum. Gestern an der Baghwan-Disco hatte ihm ein Bulle den Knüppel übergezogen, und dabei auch seine Kamera erwischt. Oigen liess den totalen Hardcorealki raushängen und kippte sich in null-komma-nix ’ne Pulle Korn in den Schädel. Und dass auf nüchternen Magen. Danach war er so knüppeldicht, dass er mit der leeren Flasche in der Hand auf ne Gruppe Bullen lostorkelte. Crazy und Balduin wollten ihn zurückzuhalten, aber in seinem Alkwahn schnallte Oigen nix mehr. Er riss sich los und schwankte wild gestikulierend auf die Bullen zu. Zwei Schritte und er fiel auf den Arsch, raffte sich wieder hoch, torkelte zwei Schritte vorwärts und landete wieder im Dreck des Opernplatzes. Als ihm dabei die leere Kornflasche aus der Hand rutschte und ausgerechnet vor den Stiefeln einiger Bullen zersplitterte, verloren die ihren Spass am Geschehen. Oigen wurde festgenommen und konnte sich ein paar Stunden in einer Ausnüchterungszelle ausruhen.
 “Oigen” landet erst im Dreck - und dann in der Ausnüchterungszelle.
Am Rande des Opernplatz sah ich einen Übertragungswagen des NDR stehen. Ich schlenderte mal rüber und redete ein paar Takte mit dem Reporter. Der erzählte mir, dass sie den ganzen Tag kleine Live-Reportagen machen, die alle Rundfunksender ausstrahlen würden. Geil! So spürte auch die letzte Zenzi in untersten Oberbayern, das nix mehr ist mit heiler Welt. Auf einmal war der Reporter auf Sendung. Zum Ablachen! Das sah aus wie im Fernsehen, wenn der Peter Scholl-Latour seinen Frontbericht vom Iran-Irak-Krieg sendet. Welch ein Vergleich! Nun gut, die Demo ging dann los. Am Lautsprecherwagen redete Silke Stokar von der GABL über irgendwelche bösen Nazis. Danach erzählte eine Türkin in ihrer Landessprache irgend ’nen Schwank aus ihrem Leben. Nagel sagte noch ein paar gute Sachen, dann ging auf einmal die Post ab. Drüben am Kröpke standen ein paar Skins. Alles rannte rüber, doch die Bullen waren schneller und hatten vor den Skins zwei Ketten gebildet.
 Tumult! Am Kröpke sind ein paar Skins augetaucht.
Sofort gab es Sprechchöre. “Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!” Und dann machten die Leute etwas taktisch Unkluges. Flaschen und Steine flogen auf die Bullen, und das war Scheisse, denn wenn's jetzt noch mit denen Stress gab, dann standen wir zwischen zwei Fronten und wie wir da wieder heil rauskommen sollten, war mir ein Rätsel. Aber zum Glück konnten die Leute überzeugt werden, dass wir uns jetzt keine Auseinandersetzung mit den Bullen leisten konnten.
Doch die Ruhe vor dem Sturm war nun vorbei. Die Cops wurden von ihrem Einsatzleiter angewiesen, 'ne Kette an der Frontseite des Platzes zu bilden. Der Grund war uns zunächst unklar, doch die Antwort kam schneller als erwartet.
Kaum war der Platz abgeriegelt, stürmten Cops mit überlangen Holzknüppel auf den Platz und prügelen willkürlich einzelne Punks aus der Menge heraus.
Die Folgen waren logisch: Der Punkermob geriet in Aufruhr und ein Hagel von Flaschen und Steinen prasselte auf die Bullen nieder.
Nach einiger Rennerei zogen sich die Knüppelcops wieder an den Rand des Platzes zurück, um einige Minuten später wieder Knüppel schwingend in die hin und her wogenden Massen zu sprinten. Und dieses Spielchen wiederholte sich alle paar Minuten.
Dazwischen dröhnten immer wieder Lautsprecherdurchsagen. Die Cops: "Unterlassen Sie die Flaschenwürfe, sonst müssen wir die Veranstaltung beenden"; Silke Stokar von der GABL: "Wir fordern die Polizei auf, nicht weiter zu provozieren und sich zurückzuziehen. Dies ist eine angemeldete Kundgebung, verlassen Sie den Platz."
Zur allgemeinen Überraschung wurd kurz danach die Kundgebung von der GABL aufgelöst. Obwohl es anschliessend noch einen Demonstrationszug durch die Innenstadt geben sollte. Allgemeine Ratlosigkeit machte sich breit. Was nun? Die einen wollten zur “Glocksee”, wo es am Abend ein Konzert mit den ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN und den ALTEN KAMERADEN geben sollte, wärend andere in die Innenstadt ziehen und Glatzen aufmischen wollten. Wärend man noch hin und her diskutierte, meldete sich plötzlich der Lautsprecher der Polizei. Ab sofort sei die Innenstadt und der Bahnhofsbereich für Punks gesperrt, verkündete die blecherne Stimme des Einsatzleiters. Sollten wir dieser Anordnung nicht Folge leisten, würde man “Recht und Ordnung” mit Gewalt durchsetzen. Die Durchsage ging im gellenden Pfeiffkonzert und im wütenden Protestgeschrei der bunten Masse unter.
Hunderte Punx schoben sich wild entschlossen nach vorn in Richtung Kröpke, aber nach einigen Metern, und einigen Knüppelhiebe in die bunthaarige Menge, drängte alles wieder panikartig zurück. Von allen Seiten hatten die Bullen den Opernplatz abgeriegelt und so was wie einen Kessel gebildet. Wir sassen in der Falle, und waren auch noch freiwillig reingetappt. Und jetzt verstand ich auch, weshalb sich die Bullen am Bahnhof und auf dem Weg zum Opernplatz so unerwartet zurückhaltend gegeben hatten. Mussten sie Freitag unzähligen Punks hinterherhecheln, die in Gruppen und Grüppchen saufend und gröhlend die Innenstadt und den Bahnhof unsicher gemacht hatten, so brauchten sie am Samstag nur abzuwarten, bis wir uns alle auf dem Operplatz versammelt hatten, um dann den “Sack” zuzumachen.
Viele Punx waren inzwischen so aggressiv oder besoffen, das sie mit Gewalt die Polizeiketten durchbrechen wollten. Wenn es jetzt krachen würde, dann Gnade uns Gott! Ein paar Punx gingen wütend auf die Veranstalter der Demo los. „Dat kann doch wohl nicht wahr sein“, griff sich ein Punk einen der GABL-Leute. „Erst lockt ihr uns auf die scheiss Demo, und wenn es dann heiss wird, lasst ihr uns in der Scheisse sitzen. Ey, so läuft das aber nicht.“ Da sich die Atmosphäre auf dem Opernplatz von Minute zu Minute mehr aufheizte, und viele der besoffenen Punx kaum noch unter Kontrolle zu halten waren, gaben die Bullen nach Verhandlungen mit der GABL endlich nach. Die Punks, die Hannover verlassen wollten, würden unter Polizeibegleitung zum Bahnhof gebracht und in die Züge gesetzt, wärend sich die anderen Punx geschlossen zum JZ-“Glocksee” zurückziehen konnten. Klar, das sich fast alle für die “Rückzugsdemo” zur “Glocksee” entschieden haben.
Kurze Zeit später setzte sich der riesige Punkermob in Begleitung einiger Wannen in Bewegung. Ich stieg auf einen Blumenkübel und zog mir diese gewaltige Szenerie rein. Es war die Hölle! So viele Stachelköpfe und Iros hatte ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Mittendrin der Lautsprecherwagen der GABL, der uns mit Revolutionsliedchen wie "Abeiter, Bauern, hört die Signale, nehmt die Gewehre zur Hand..." die Schädel zudröhnte. “Bullenschweine würd’ jetzt besser kommen als diese verfickte Revolutionsscheisse”, grummelte Crazy genervt. Dreihundert Meter weiter kam an einer Kreuzung plötzlich alles zum Stehen. Unser polizeiliches “Begleitkommando” hatte vor uns die Strasse gesperrt und wollte den Riesenmob nach rechts abzudrängen. Die zuvor mit dem Einsatzleiter der Polizei und der GABL vereinbarte Route zur „Glocksee“ sollte am nämlich Aegidientorplatz vorbeiführen, und ausgerechnet dort sollten sich inzwischen jede Menge Skins versammelt haben. Gerüchte sprachen von bis zu tausend Skins, die uns am Aegie erwarten würden. Und so standen die Bullen vor einem grossen Problem. Hier die Punks, voll geil auf eine Konfrontation mit den “Naziskins”, und dort, gerade mal 50 Meter Luftlinie entfernt, ein Haufen nicht weniger friedfertig eingestellter Glatzen. Und mittendrin die Bullen! Halleluja! Das konnte ja mal wieder heiter werden. Da wir den Glatzen aber wenigstens aus der Ferne “Guten Tag” sagen wollten, bestanden wir auf der vereinbarten Route und verharrten abwartend auf Kreuzung.
Es war auch zu niedlich, was sich jetzt abspielte. Die Hauptdarsteller waren Silke Stokar von der GABL und der Einsatzleiter unseres polizeilichen Begleitkommandos. Silke über Lautsprecher: “Dieser Weg ist mit ihrer Einsatzleitung abgesprochen, geben sie die Strasse frei!” Der Bulle über sein Magafon: “Sie müssen nach rechts abbiegen! Zu ihrer eigenen Sicherheit. Räumen sie die Kreuzung.” Silke: “Ich fordere sie auf, die Provokation mit den Reizschussgeräten zu unterlassen!” Der Bulle: “Wenn sie sich weigern die Kreuzung zu räumen, müssen wir unmittelbaren Zwang anwenden.” Silke: “Was sie hier veranstalten ist eine Provokation gegenüber friedlichen Demonstranten.” Der Bulle, mit einem leicht hysterischen Unterton in der Stimme: “SIE MÜSSEN DIE KREUZUNG RÄUMEN UND NACH RECHTS ABZIEHEN!” Silke: “Wenn sie unfähig sind selber zu entscheiden, dann müssen sie sich bei ihrem Vorgesetzten informieren, er hat diese Route genehmigt!”
Wärend diesem verbalen Geplänkel war echt gut Stimmung angesagt. Man beklatschte sogar die Durchsagen des Bullen und verlangte nach Zugaben. Vor dem GABL-Wagen und den Bullen wurde gepogt. Andere gröhlten sich in Stimmung oder spielten “Bulle haut Demonstrant” oder “Demonstrant haut Bulle”. Besonders die “Gesänge” gingen gut ab, weil sie in allen nur erdenklichen Sprachen vorgetragen wurden. Echt interessant mal zu hören, wie sich “Bier her, Bier her, oder ich fall’ um” auf norwegisch oder japanisch anhören. Nach knapp dreissig Minuten gab der Bulle endlich nch. Riesenjubel! Erster Sieg nach Punkten. Und nun kam Spannung auf. Was war am Aegi los? Wieviele Skins würden uns dort erwarten?
SAMSTAG: DIE SCHLACHT AM AEGI (Günter)
Zuerst war nichts von dem angekündigten Glatzenmob zu sehen. Doch, da! In einer Seitenstrasse standen sie. Gerade mal eine Strassenbreite von uns entfernt. Von zwei Reihen Bullen abgeschirmt. Die eine Reihe mit dem Gesicht zu den Glatzen, die andere mit dem Gesicht zu uns.
Nicht besonders beeindruckend, was die Glatzen da an Manpower aufgeboten hatten. Von wegen fünhundert bis tausend Kahlschädel. Gerade mal zweihundert, wenn es überhaupt so viele waren, Hansel standen da drüben! Und dieser verlorene Haufen wollte uns aus der Stadt fegen? Als sie uns sahen ertönte das übliche “Sieg Heil!”- und “Wir kriegen euch alle!”-Gegröhle. “Nazis raus...Nazis raus!”, dröhnte es aus hunderten Kehlen zurück. Dann flogen auch schon wieder die ersten Flaschen und Steine. Da, eine der Flasche torkelte im hohen Bogen auf das frisch geschorene Haupt eines Skins. Der Junge fiel wie vom Blitz getroffen um. Bum! Volltreffer auf A 7 - Skin versenkt!
Kurz danach wurden die Glatzen von den Bullen von der Hauptstrasse weg in eine Parallelstrasse abgedrängt. Und der Punkermob begann zu rennen, denn ca. 100 Meter die Hauptstrasse runter gab es eine kleine Querstrasse, und da stand kein einziger Bulle. Diese Strasse müssen die Cops in ihrer Hektik wohl glatt übersehen haben. Als sie endlich geschnallt hatten, was sich da anzubahnen droht, begannen auch sie zu rennen. Die Jagdsaison war eröffnet! Punx und Skins stürtmen laut brüllend aufeinander los. Doch die Bullen konnten in letzter Sekunde eine Kette bilden. Ein Skin hatte es jedoch geschafft und rannte ohne sich umzusehen auf den riesigen Punkermob zu, im Glauben seine Kumpels hinter sich zu haben. Tja, so was nennt man Pech. Er bekam erst mal gut von einigen Punx auf’s Maul, rannte dann mit qualmenden Docs zurück, direkt in die dankbaren Arme einiger Zivilbullen. Die probierten erst mal kurz ihr Gassprühgerät an ihm aus, dann wurde der arme Kerl noch von einem durchgeknallten Bullenköter in den Arsch gebissen, und schlussendlich von den Zivilbullen weggeschleppt. Wirklich Pech gehabt, und das auf der ganzen Linie. Für den Jungen war der Tag gelaufen. Für uns noch lange nicht! Denn jetzt ging die Scheisse erst richtig ab... Aber erst auf der nächsten Seite! Wer nicht den Umweg über die Navigation gehen will, muss nur die Glatze des Skins anklicken - und schon geht es weiter!
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