Opt. Bildschirmauflösung: 1280 x 1024 / © by g.gruse / 2002-2010

Dank an Jörg L. (Ex-PARANOIA) für das Material
Background-Sound: “Pararanoia” von PARANOIA (1984)
© by g.gruse und PARANOIA

 

INHALT:

1) “Die DDR ging uns am Arsch vorbei - Be- und Anmerkungen eines westdeutschen Klassenfeindes”
von Günter Gruse (2008)
2) “Born in the DDR - Punk im real existierenden Sozialismus” von Jörg Löffler (2007)
3) “Im Schatten der Großstadt - Good by Anarchy” - Interview mit PARANOIA (2007)
4) “Leipzig Punx - Ein Bericht vom tragischen Untergang” von Bernd Stracke (1985)
5) “Nachrichten aus dem kommunistischen Teil Deutschlands” (FOH-Scann von 1985)
6) “Noies Doitschland” (FOH-Scann von 1985)
7) Orginal-Fotos zu “Noies Doitschland”

 

von Günter Gruse (2008)

Vor einiger Zeit wurde ich mal gefragt, welchen Stellenwert die ehemalige DDR in der westdeutschen Punkszene der Achtziger Jahre gehabt habe. Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Absolut keinen! In dieser Frage tickten die Punks nicht anders als die übergrosse Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung: Die DDR wurde zwar als lästiges Übel zur Kenntniss genommen, besonders dann, wenn man mit dem Auto über die DDR-Transitstrecke nach Westberlin fahren musste, oder an offiziellen Gedenktagen, aber in unserem Alltag spielte dieser Teil Deutschlands keine Rolle. Auch nicht im Unterricht an den Schulen. Die Realität eines zweiten deutschen Staates wurde verdrängt. Ausgeblendet. Wie auf den alten Wetterkarten von ARD und ZDF, auf denen die DDR bis Mitte der Siebziger Jahre gar nicht existiert hatte. Ansonsten sahen grosse Teile der Politik und Medien in der Teilung Deutschlands die “gerechte Strafe der Geschichte für die Verbrechen der Deutschen wärend der Nazi-Diktatur”. Zur deutschen Teilung, so lautete die offizielle Sprachregelung in Politik und Medien, gäbe es für uns und die nächsten Generationen “keine Alternative”. Diese Argumentation in Frage zu stellen, galt als politische Provokation, war ein Tabubruch. Man wurde als “Revanchist” oder “Kalter Krieger” diffamiert, “der keine Lehren aus der deutschen Geschichte gezogen” hätte. Bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989 war daher die DDR für die meisten Westdeutschen ein weisser Fleck auf der europäischen Landkarte. Zumal die kommunistische Führung der DDR alles tat, um Kontakte zwischen den Menschen in beiden Teilen Deutschlands zu verhindern. Die aus dem Osten durften grundsätzlich nicht zu uns in den Westen reisen, ausser sie waren im Rentenalter, wärend Besuche von West nach Ost erst ab Anfang der Siebziger Jahre möglich wurden. Wobei es auch hier die Einschränkung gab, dass vielen DDR-Bürgern Westkontakte (auch zu Verwandten) grundsätzlich verboten waren. Logisch, dass sich da der Reise- und Besuchsverkehr zwischen Ost und West in engen Grenzen hielt. Für meine Generation war es daher viel einfacher, mit dem Interrail-Ticket, Reisepass und den von meinen Eltern gesponserten Reiseschecks, Städte wie London, Paris, Amsterdam, Rom oder Madrid zu besuchen, als Dresden, Leipzig oder Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Fakt ist, die DDR hatte sich gründlich abgeschottet, mit Mauern, Stacheldraht, Minen, Selbstschussanlagen, Reise- und Kontaktverbote - und mit Todesschüsse auf die Menschen, die die DDR in Richtung “Freiheit” verlassen wollten.


Im August 1983 erschien im britischen OBSERVER der erste Bericht westlicher Medien über die Punkszene in der DDR

Warum ich das so ausführlich schildere? Um zu erklären, weshalb meine Generation so wenig über das Leben und den Alltag der Menschen im kommunistischen Teil Deutschlands wusste! Und das wenige, was ich von dieser DDR gesehen habe, bestärkte mich nicht gerade in dem Wunsch, den anderen Teil Deutschlands näher kennenzulernen. Meine Besuche in Ostberlin, so fünf- bis sechsmal zwischen 1981-1984, waren abschreckend genug. Dazu benötigte man lediglich ein "Tagesvisum”, das direkt an den Westberliner Grenzübergängen ausgestellt wurde. Damit konnte man sich bis zu 24 Stunden im Stadtgebiet von Ostberlin aufhalten. Ein Besuch hinter der Mauer war wie ein Besuch im Zoo. Der Eintritt kostete 25 harte D-Mark, die an der Grenze in wertlose 25 Ostmark umgetauscht werden mussten. Ich habe es selten länger als zwei bis drei Stunden in diesem roten Alptraum ausgehalten. Wenn ich mit Freunden “drüben” war, haben wir uns mehr für den steuerfreien Whisky und die West-Zigaretten interessiert, die wir mit unserer Westmark in den Intershop-Läden Ostberlins kaufen konnten, als für Honnekers abgefuckte Hauptstadt. Zumal diese „Hauptstadt“ ein langweiliger und dreckiger Witz war! Alles machte einen brüchigen und heruntergekommen Eindruck. Sogar die paar “touristischen” Vorzeigeobjekte, wie der „Palast der Republik“ oder der Alexanderplatz mit “Weltenuhr” und Fernsehturm, wirkten trist und spiessig.


Das hässliche Gesicht der DDR

Genauso trist und spiessig wie die Bürger dieser “Hauptstadt”. Für die meisten waren wir Fremde, “Klassenfeinde aus dem kapitalistischen Ausland”, und so fühlte ich mich auch. Was nicht nur an meinem hochgetunten Punker-Outfit lag! Jedenfalls ist uns nirgendwo soviel Ablehnung, Verachtung und Hass entgegengeschlagen, wie in der “Hauptstadt” der DDR. Und überall stiegen einem die Schwaden von Abgasen aus den knatternde Trabis in die Nase. Besonders im Herbst und Winter, wenn die Ostberliner ihre Kohleöfen mit Braunkohle heizten, und sich der fette Rauch aus den Schornsteinen mit den Abgasen der Trabis vermischte, dann stank es in dieser “Hauptstadt” wie in der leibhaftigen Hölle! Die einzigen Farbtupfer in dieser kommunistischen Einöde waren rote Spruchbänder und verrottete Propagandatafeln, die inmitten des überall sichtbar werdenden Verfalls unverdrossen den „Sieg des Sozialismus“ verkündeten. Das war jedesmal Realsatire pur! Für mich als nonkonformistisches und aktionsverwöhntes „Kind des Westens“ war diese „Hauptstadt“ nicht weniger anziehend als es heute die Hauptstadt von Nordkorea wäre. Es gab es keine Jugendzentren, keine besetzten Häuser, keine Punk-Konzerte, absolut nichts, überall nur tote Hose und gähnende Langeweile. Da war mir Kreuzberg, noch nicht einmal hundert Meter Luftlinie entfernt, auf der anderen Seite der Mauer, mit seinen unzähligen Punks und besetzten Häusern um Welten sympathischer. Das war meine Welt! Bunt und frei! Die andere Welt, die hinter Mauer und Stacheldraht, die war mir zu eng, zu grau, zu fremd. So fremd, wie die paar Punks, die ich im Sommer 1984, bei meinem letzten Besuch in Ostberlin (er endete in einer Zelle der DDR-Grenztruppen und einem „lebenslänglichen Einreiseverbot“), auf dem Alexanderplatz kennengelernt habe. Obwohl wir die gleiche Sprache gesprochen haben, hatten wir uns kaum etwas zu sagen. Wir kamen auf kein gemeinsames Level. Kurz gesagt, wir blieben uns so fremd, wie die meisten Deutschen in Ost und West, die sich im Laufe von fast vierzig Jahren Teilung immer fremder geworden sind. Und sich oftmals bis heute fremd geblieben sind - trotz Mauerfall und Wiedervereinigung. Und so habe ich in meinem Punk-Fanzine FALSCHMELDER über Punks von Alaska bis Zypern geschrieben, nur nicht über Punks in Leipzig, Dresden, Riesa oder Karl-Marx-Stadt. Bis ich zu meiner Überraschung im März des Jahres 1985 einen Brief aus der DDR in meinem Briefkasten fand. Der Absender war ein mir bis dahin unbekannter Bernd Stracke aus Leipzig. Bis dahin hatte ich ja immer gezweifelt, ob es in der DDR überhaupt eine aktive Punkszene mit Bands, Konzerten usw. geben würde, aber dieser Brief beseitigte letztendlich alle meine Zweifel. In der kommunistischen DDR gab es sogar eine sehr aktive Punkszene. Was folgte, war ein reger Briefkontakt zwischen Bernd und mir. Heute wäre das ja nichts besonderes, aber damals war dieser Briefkontakt höchst verdächtig - aus Sicht der DDR-Staatssicherheit! Unsere Post wurde von der STASI mitgelesen, wie jeder einzelne Brief mitgelesen wurde, der täglich von West nach Ost, oder den umgekehrten Weg ging. Es war die totale Überwachung! Kurz nach dem ich im Sommer 1985 in der zweiten Ausgabe des FORCE OF HATE-Fanzine einen Bericht von Bernd über die Punkszene in Leipzig veröffentlicht hatte (Siehe unten: „Leipzig Punx: Ein Bericht vom tragischen Untergang“ von 1985), wurde er von der STASI verhaftet. Eine kleine Schlussbemerkung: Die DDR war der Überwachungsstaat von dem Politiker wie Schäuble (STASI 2.0) heute träumen.
(g.gruse)

 

von Jörg Löffler, Dresden (2007)

Dresden in den siebziger Jahren. Die Stadt war bekannt für Kultur, Kunst, barocke Ruinen, die vor sich hin gammelten und triste Plattenbauten, die vom Sieg des Sozialismus künden sollten. Für Jugendliche war es eher frustrierend. Entweder man passte sich an und machte das Spiel mit, oder man versuchte die vorgezeichneten Bahnen zu verlassen, andere Wege zu gehen und merkte schnell, dass die Freiheit Grenzen hat. Doch Perspektivlosigkeit war oftmals ein Antrieb zur Kreativität.
Ich besuchte die 89. POS im beschaulichen Niedersedlitz am Rande der Stadt und quälte mich mit den typischen Alltagsproblemen eines DDR-Teenies herum: Schule mit solchen „Highlights“ wie UTP (Unterrichtstag in der Produktion) und vormilitärischer Ausbildung. Meine berufliche Karriere war mir völlig egal. Irgendeine Lehrstelle würde sich schon finden. Gedanken um meine Zukunft machte ich mir nicht. Die Gegenwart war unbefriedigend genug. Auf Disko und die anderen Freizeitaktivitäten meiner Mitschüler hatte ich keinen Bock. Natürlich auch nicht auf GST oder FDJ-Zirkel. Ich suchte nach etwas anderem. Obwohl wir im Tal kein Westfernsehen empfangen konnten, waren wir nicht ganz so ahnungslos. Immerhin empfing man einige Radiosender in leidlicher Qualität. Elvis nervte noch ein Jahr nach seinem Tod mit dem Schmachtfetzen „My Way“ in den Hitparaden. Mir entging nicht, als ein gewisser Sid Vicious mit seiner schrägen Version dieses Songs vorgestellt wurde. Der Moderator empörte sich über die pietätlosen „Punks“, die nicht davor zurückschreckten, das Andenken an den verstorbenen Künstler zu schänden. Für mich war Elvis nur ein langweiliger, fetter Schlagerfuzzi. Ich fand es Klasse, dass den jemand so durch den Kakao zog. Mein Interesse für diese pietätlosen Leute, diese „Punks“, war geweckt. Eine weitere Quelle lieferten ungewollt die DDR-Medien selber. In Magazinen wie dem Neuen Leben, der Armeerundschau oder der NBI erschienen Artikel, die sich mit dem neuen Jugendphänomen der westlichen Gesellschaft in einer Mischung aus Entsetzen und Schadenfreude auseinandersetzten. Was als Abschreckung gedacht war, löste bei mir Begeisterung aus. In meiner Klasse wurde ich damit der Außenseiter. Deshalb war ich sehr erstaunt und glücklich, als ich mit Falk einen Gleichgesinnten fand, als er neu in die Klasse kam. Während einer Landheimfahrt in der 9. Klasse entdeckten wir unser gemeinsames Interesse für diese Musik. Als wir bei der Disko im Freizeitraum oder bei anderen Feten unsere ersten Punk- und New-Wave-Kassetten mit Sex Pistols, Stranglers, Undertones, The Jam, XTC u. a. auflegten, ergriffen unsere Mitschüler entsetzt die Flucht.
Auf verrauschten Radiosendern suchten wir nach Punk. Meine Eltern hatten eine Datsche in der Lausitz, wo man SFB und RIAS auf UKW empfangen konnte. Nachdem ich mich vorher gesträubt hatte, fuhr ich nun öfter freiwillig dorthin, mit einem Tesla-Spulentonbandgerät im Gepäck.
Ende der siebziger Jahre starteten wir unsere ersten musikalischen Experimente. Zwar hatten wir weder Ahnung noch Instrumente, aber wir kannten „Sei“, einen Typen aus der zehnten Klasse. Der konnte gut Gitarre spielen und wir fragten ihn, ob er es uns lehrt. Schon die erste „Unterrichtsstunde“ war ein Fiasko. Für Falk und mich schien das Gitarrespiel ein unlösbares Problem zu sein. Falk entschied spontan, Schlagzeuger zu werden und ich Bassist. Den Gitarristenjob delegierten wir an unseren „Lehrer“. Wir spannten Bass-Saiten auf eine alte Akustikgitarre, besorgten Schlagzeugteile beim gefürchteten Oberknacki unseres Viertels und benutzten alte Röhrenradios als Verstärker.
Sänger wurde Hortel, ein schräger Typ mit Knastvergangenheit auf dem Wege der Besserung. Auf dem Dachboden von seinem Haus machten wir Krach. Jedes Mal gab es Theater mit seiner Mutter, den Nachbarn und dem ABV. Allerdings ging es nur um die Ruhestörung. Punk war in Dresden für die Staatsorgane und für den Großteil der Bevölkerung noch kein Thema. Wir sahen ziemlich harmlos aus, denn wir orientierten uns an den Fotos im „Neuen Leben“ und einem Bravo-Poster der Sex Pistols, das ich teuer eingetauscht hatte. Wie die Vorbilder trugen wir olle Sakkos, Opa-Hosen, T-Shirts mit abgeschnittenen Ärmeln und windschiefe Frisuren. Damals wurden wir eher gefragt, ob Fasching sei, als dass man uns für Staatsfeinde hielt.
Durch Seis Beziehungen konnten wir einige Monate in den Räumen der Jungen Gemeinde ungestört proben. Dank seiner musikalischen Grundkenntnisse und unseres Eifers machten wir erstaunliche Fortschritte. Unsere Band nannten wir Plastic Heads und später Rotzjungen und gaben uns Künstlernamen nach Vorbild der Sex Pistols. Johnny Rotten war bei uns Hans Gammel…

Als wir erfuhren, dass 1981 im Rockpalast (Westfernsehen!) die Undertones auftreten, beschlossen Falk, Sei und ich nach Berlin zu trampen, um uns irgendwo die Sendung anzusehen. In Friedrichshain quatschten wir junge Leute an, ob wir bei ihnen Rockpalast sehen könnten. Eine hippiemäßige junge Frau nahm uns mit in ihre WG, wo wir uns die Sendung mit ihren Freunden anschauten. Am nächsten Tag führten uns unsere neuen Bekannten in den Vergnügungspark Plänterwald. Wir waren völlig platt, als wir „richtige Punks“ sahen. Lange Zeit schmorten wir wie unter einer Käseglocke im eigenen Saft und entwickelten unsere individuelle Punkidee, ohne zu ahnen, dass es in der DDR eine Punkszene gab.
Zurück in Dresden begannen wir unser Outfit zu ändern. Leider gaben wir unseren kreativen, eigenständigen Stil teilweise auf und orientierten uns an äußerlichen und inhaltlichen Klischees, die wir durch die anderen Punks kennen gelernt hatten. Wir wollten dazugehören. Jetzt mussten es schon Lederjacken und Armeestiefel sein. Die Haare färbten wir uns mit unorthodoxen Mitteln, was teilweise die Wirkung hatte, dass sie nicht bunt aussahen, sondern wie verschimmelt. Hortel hatte als erster einen Irokesenschnitt. Dann Testlauf auf der Prager Straße, der Flaniermeile in Dresden-City. Wir waren mit unserem Auftritt und den Reaktionen von belustigt bis geschockt sehr zufrieden. In dieser Zeit besuchten wir häufig die Diskotheken in den Jugendklubs Luga und Lockwitz. Das Publikum war eine Mischung aus Stinos, Poppern und Hardrock-Fans. Da ging es härter zur Sache. Ein paar Mal gab’s Prügel.
Irgendwann fanden wir, dass wir einen Testlauf anderer Art wagen sollten. Im Berliner Plänterwald fanden wir erstaunlich schnell Kontakt zu anderen Punks. Diesmal sahen wir optisch schon etwas mehr nach dem aus, was dort unter „Punk“ verstanden wurde. Zum Einstand prellten wir die Zeche im Restaurant. Das Eis war schnell gebrochen. Otze aus Erfurt zeichnete sich dadurch aus, dass er sich zum Schrecken der Bürger und Poserpunks demonstrativ eine Sicherheitsnadel durch die Wange rammte. Wir erfuhren, dass sich Punks aus der ganzen DDR Anfang Mai in Erfurt zur „Werkstatt `82“ treffen, und beschlossen, auch dahin zu fahren.
Weil seine Freundin befürchtete, dass er wieder auf die „schiefe Bahn“ geraten könnte, blieb Hortel zuhause. Bei der Ankunft auf dem Erfurter Bahnhof wunderten wir uns über das massive und provokante Auftreten der Trapo, die den Punkeransturm zu erwarten schien. Das waren wir aus Dresden noch nicht gewohnt. Trotzdem erreichten wir unbehelligt die Nähe des Veranstaltungsortes in der Altstadt. Es war spät. Wir suchten eine Pennmöglichkeit und fanden im Erdgeschoss eines Hauses eine unverschlossene Wohnungstür. Im Raum befand sich ein Lager mit Stoffresten, Teppichen oder ähnlichem. Wir fragten nicht lange, sondern freuten uns über die komfortable Schlafgelegenheit. Am nächsten Vormittag wurden wir von wildem Lärm geweckt. Schräg gegenüber befand sich die Andreasgemeinde, wo schon die ersten Bands spielten. In Laufe des Tages wurden wir ermuntert, auch zu spielen. Da wir ohne Sänger angereist waren, sprang ein Punk aus Berlin ein und sang spontane Texte zu unserer Musik. Es schien den Leuten sehr gut gefallen zu haben, denn nach unserem Auftritt rief die Masse „Punk’s not dead“ im Chor.


PEP Sommerfest 1988

Nun fuhren wir öfter nach Berlin, um solche großartigen Aktionen zu erleben wie folgende: Jemand erzählte, dass in Potsdam eine Party steigen soll. Eine Menge Leute machte sich auf den Weg. Die S-Bahn-Fahrten waren immer sehr unterhaltsam. Die Poser zeigten was sie drauf hatten, manchmal extrem lustig, aber manchmal auch extrem peinlich. In Potsdam irrten wir stundenlang herum und fanden keine Party. Ein Teil der Truppe fuhr zurück nach Berlin. Der Rest pennte im Keller eines im Bau befindlichen Einfamilienhauses auf irgendwelchen Pappkartons. Am frühen Morgen merkte ich im Halbschlaf, dass uns jemand entdeckt hat und befürchtete, dass uns gleich die Bullen wecken würden. Aber erstaunlicherweise passierte nichts.
Am 14.02.1983 karrten wir mit Leiterwagen und Straßenbahn unsere „Anlage“ ins Theater der Jungen Generation. Unter dem Namen „Absturz“ wollten wir hier im Jugendklub spielen. Der Name war Programm. Es gab von Anfang an technische Probleme. Das Schlagzeug war viel zu laut. Falk musste in einem anderen Raum spielen, ohne den Rest der Band zu sehen und zu hören. Dazu schmierten Teile unseres Equipments ab. Wir spielten am ganzen Abend keinen einzigen vollständigen Song. Publikum und Klubleitung waren sichtlich irritiert, aber wir hatten unseren Spaß mit einigen wenigen Sympathisanten. Vermutlich muss man dieses Desaster als erstes Punkkonzert in Dresden bezeichnen. Sei entwickelte seine eigenen Theorien. Er kritisierte, dass die Punks dominierend schwarz gekleidet waren. Er kleidete sich weiß. Da er außerdem viel Kluges zu erzählen hatte, wurde er bald spöttisch „Professor“ genannt. Irgendwann reichte es ihm und er zog sich zurück.
Neuer Gitarrist wurde Olaf, der seine musikalischen Grundlagen anhand eines Beatles-Songbooks angeeignet hatte. Durch Grit, seine damalige Freundin, hatte er Pepsi den Sänger von „Wutanfall“ aus Leipzig kennen gelernt und war so mit Punk infiziert worden. Es kam engerer Kontakt zu Leipziger und zu Weimarer Punks zustande. In Weimar übernachteten wir meist bei Kid von den „Brennenden Zahnbürsten“. In sein Zimmer gelangte man nur durch das Schlafzimmer seiner Mutter. Die war von Besuchern ihres Sohnes einiges gewohnt. Aber als eines Nachts ein nicht genanntes Mitglied der Dresdner Reisegruppe im Vollsuff den Weg zum Klo nicht fand und auf ihr Kopfkissen pinkelte, war es ihr zu viel. In Weimar trafen wir zwei Punks aus Darmstadt auf Klassenfahrt. Sie hatten keine Lust auf das offizielle Goethe-Schiller-Programm und hatten sich abgesetzt, um sich mit Weimarer Punks zu treffen. Sie gaben ein Fanzine heraus, „U.L.F.“ (später „Der Ketzer“), und fragten, ob ich einen Artikel über die Szene in Dresden schreiben könnte. Daraufhin kamen reger Briefverkehr und immer neue Westkontakte zustande, was für mich nicht ohne Folgen bleiben sollte. Im Oktober 1985 wurde ich wegen „ungesetzlicher Kontaktaufnahme“ verhaftet.


Sommer 1989: Punks und Skins in Ostberlin, der “Hauptstadt der DDR”.

Auch Hortel entwickelte andere Vorstellungen. Er wollte Hardcore machen. Wir waren ihm zu soft. Da er keine Mitspieler fand, startete er eine „Solokarriere“. Er hatte eine Wandergitarre mit zwei Saiten, zur Tonabnahme steckte er einen schwarzen Teufel (damals gebräuchliches Mikrofon) ins Schall-Loch. Das klang wie verzerrte E-Gitarre. In Ermangelung eines Mikrofonständers steckte er sich das Gesangsmikrofon ins Halstuch. Leider konnte er so kaum noch den Mund bewegen. Wir haben Tränen gelacht. Er hatte sein Vorzimmer punkgestylt mit zerschlissenem Sofa und besprühten Wänden. Danach kam die eigentliche Wohnung: DDR-Luxus mit Schrankwand und Couchgarnitur… Wenn wir bei ihm zu Besuch waren, durften wir nur ins Punkzimmer. Wenn er in einen anderen Raum musste, öffnete er die Verbindungstür nur 10 cm weit und zwängte sich durch den Spalt, damit keiner sehen konnte, wie spießig es in seiner guten Stube aussah.
Unsere Treffpunkte waren der Biergarten des Cafe International auf der Prager Straße, das Ringcafe, von dem es hieß, es sei ein Schwulentreff, der Dresdner Rummel und irgendwelche Kneipen im Südosten oder im Westen Dresdens. Ob wir die ersten und einzigen Punks damals in Dresden waren, weiß ich nicht. Wir hofften permanent, andere zu treffen, aber lange vergeblich. Anfangs rekrutierten wir Neuzugänge hauptsächlich im Bekanntenkreis. Es dauerte eine Weile, bis „fremde“ Punks auftauchten, wie zum Beispiel Fleck und Zacke, die mit einer Horde Neupunks auf dem Rummel zu uns stießen. Die meisten ihrer Kumpels waren nach kurzer Zeit wieder abgetaucht. Fleck wurde unser Sänger, Zacke verstärkte den Backgroundchor. Wir nannten uns fast wöchentlich anders, u. a. Gegenschlag.
Um 1984 tauchte eine neue Punker-Generation in Dresden auf, mit unangenehmen Nebenerscheinungen, wie Uniformierung, Klischeeverhalten und Destruktivität. Falk und Hortel hatten die Nase voll und stiegen aus. Olaf, Fleck und ich machten weiter. Olli, den ich noch von unserem chaotischen Konzert im Theater der Jungen Generation kannte, wurde angeheuert. Er lernte innerhalb zwei Wochen Uffta-Uffta-Schlagzeug zu spielen. Damit war der Grundstein zu Paranoia gelegt. Unsere Musik wurde besser, aber das Verhältnis zur Szene wurde immer distanzierter. Wir schrieben Songs wie „Good Bye Anarchy“, „Kidpunks verpisst euch“ und „Echt zum Kotzen“…

 

Interview mit den ehemaligen Bandmitgliedern der Dresdner Punkband

Wie seid ihr zum Punk gekommen?

Oliver: In der Lehre lernte ich Jenny Paris kennen, zu der ich an den Wochenenden nach Berlin fuhr. Ihre Mutter ist die Fotografin Helga Paris. Da sah ich zum ersten Mal Fotos von Jugendlichen mit abstehenden Haaren, abgefahrenen Klamotten, Badges, Sicherheitsnadeln und Ketten. Wir zogen damals viel durch Berlin und ich traf Künstler, Punks und andere kreative Leute. In Dresden liefen die Dinge noch etwas konservativer ab. Wenn man hier so in den Klamotten und der entsprechenden Frisur herumrannte, war man ein Exot. Das Wochenendprogramm beschränkte sich auf Disko und Kneipenbesuch. Im Theater der Jungen Generation fand einmal im Monat „Disko auf der Treppe“ statt. Dort lernte ich Jörg kennen, der als Bassgitarrist in einer Band namens „Bluesjungs“ spielte. Wir kamen ins Gespräch über Musik und merkten, dass wir auf einer Wellenlänge tickten. Nach mehreren Bieren und dem damaligen Standardgetränk „Cola-Wodka“ (2/3 Wodka, 1/3 Cola) war schnell klar, dass Jörg in diesem Zustand seinen Bass nicht mehr heil nach Hause bekommen würde. Ich wohnte in der Nähe und so nahm ich das Instrument mit zu mir. Ich glaube, ich habe damals die ganze Woche mit dem Bass über mein RFT-Radio gespielt und war begeistert vom Musikmachen.

Jörg: Diese Aussage ist teilweise unrichtig. Ich habe NIE in einer Bluesband gespielt und war NIE betrunken!!

Fleck: Ob Jörg in einer Bluesband gespielt hat, weiß ich nicht, aber dass er NIE betrunken war, kann ich beschwören. Jeden Eid leiste ich da.

Olaf: Mit dem musikalischen Mainstream Anfang der 80er Jahre konnte ich nichts anfangen. Schon gar nicht damit, was im DDR-Radio lief und mit der Musik der langhaarigen Blues-Szene in Dresden. Seit ich 14 Jahre alt war, spielte ich Gitarre. Vor allem Lieder von den Beatles. 1982 lernte ich durch meine Freundin Grit zwei interessante Typen aus Leipzig kennen, die mit dem ganzen alten Zeug nichts zu tun hatten - Stracke und Mikke. Die beiden strahlten durch ihr Verhalten, ihr Äußeres und ihren Musikgeschmack einen völlig neuen Stil aus, der mich sehr an eine Band aus England erinnerte, über die ich zu diesem Zeitpunkt lediglich einen Schmähartikel in einer Westzeitung gelesen hatte: die Sex Pistols. Nachdem ich mit Grit in Leipzig war und dort die Punkszene um Wutanfall kennen lernte, war ich angesteckt und wollte unbedingt diese Musik spielen. Grit, die seinerzeit eine Tischlerlehre in Dresden machte, besorgte mir rote Holzbeize, mit der ich meine Haare färbte und half mir beim Bau meiner ersten E-Gitarre. Stracke kannte Jörg von einigen Punktreffen und gab mir seine Telefonnummer.

Was habt ihr vor Paranoia musikalisch gemacht?

Fleck: Olaf und Jörg spielten schon einige Zeit zusammen. Im Frühjahr 1983 kam ich dazu. Wir hatten verschiedene Bandnamen wie Optimistische Bierjugend, Gegenschlag…

Oliver: Erste musikalische Versuche unternahm ich 1982 mit meinem Schulfreund Reinhard und Ulrike aus dem Jugendklub des „Theater der Jungen Generation“. Ulrike hatte die erste LP von B-52`s (ihre beste!) aus dem Westen bekommen, die uns damals sehr inspirierte. Geprobt wurde in einer Garage im Viertel. Wir nannten uns „Garagentrio“. Zu einem Auftritt im Theater ist es dann ohne die Sängerin Ulli gekommen, ich musste selbst singen. Die Leute vom Club waren geschockt über unsere musikalische Entgleisung. Aber ich dachte mir, das ist es: schnelle Gitarren und schnelles Schlagzeug.

Wie bist du zu Paranoia gekommen?

Oliver: Olaf, Fleck und Jörg suchten einen Schlagzeuger für ihre Band und fragten mich, ob ich Lust hätte. Ich konnte nicht Schlagzeug spielen, aber das war egal. Ich bekam einen Crashkurs vermittelt, der mir zeigte, wie schwierig es ist, seine Gliedmaßen unabhängig voneinander rhythmisch und schnell zu bewegen. Nach kurzer Zeit ging es besser. Das war so Mitte 1983, die Geburtsstunde von Paranoia. Ich konnte anfangs nur etwa eine Minute das Tempo halten, deshalb waren unsere ersten Lieder wahrscheinlich auch sehr kurz.

Was habt ihr damals gehört, woran habt ihr euch musikalisch orientiert?

Jörg: Anfangs Sex Pistols und so, später Ami-Kram wie Bad Brains, Youth Brigade… Ich wollte damals nicht, dass wir wie die anderen Ostpunkbands klingen. Ich fand die größtenteils schrecklich. Ob wir das wirklich geschafft haben, weiß ich nicht. Aber ich hoffe, durch diese Einflüsse hat sich unser Sound zumindest ein wenig unterschieden.

Fleck: Vorbild war und ist immer noch Ernst Neger mit "Ich stemm´ die Fleischwurst" und danach Vorkriegsjugend oder Der Plan. Und dann wieder die Fleischwurst. Ollis altem Betonmischer konnte ich allerdings auch stundenlang zusehen und -hören.

Oliver: Der Betonmischer war auch Auslöser für unsere gemeinsame Vorliebe für Einstürzende Neubauten, damit habe ich mit Fleck so manche Party geschmissen. Der Nachbar brüllte dann auch schon mal früh um 3.00 Uhr aus dem Fenster und fragte nach, wie lange der Krach noch gehen soll.

Wie wichtig waren euch Politik und Ideologie?

Fleck: Wer kann schon sagen, was er mit 17 oder so gewollt hat? Die Weltherrschaft war es nicht.

Jörg: Mir ging es eigentlich ausschließlich um die Weltherrschaft! Und geht es immer noch!!!

Oliver: Ich habe mir damals nie ernsthaft Gedanken gemacht, welche politische Brisanz unsere Texte und Lieder für die Staatsorgane hatten. Für die gefährdeten wir mit unserer „anarchistischen Einstellung“ und unserem „dekadenten Verhalten“ in der Öffentlichkeit anscheinend die staatliche Ordnung des Arbeiter- und Bauernstaates. Eigentlich ging es uns darum, Musik zu machen. Dieses Lebensgefühl und der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe waren uns wichtig. Wir wollten unser eigenes Ding machen und nicht das, was man von uns erwartete… Dieser langweilige Mist, der einem andauernd vorgekaut wurde.

PARANOIA 1984

Jörg: Unglaublich, in welchem Maß wir von Beginn an kriminalisiert und observiert wurden, was da für eine Maschinerie im Gang war. Wie krank muss ein System sein, wenn es sich so vor seiner Jugend fürchtet. Unsere Aufmüpfigkeit war altersgemäße, pubertäre Unzufriedenheit. Punk war unser Ausdrucksmittel. „Anarchie“ war nur ein Symbol dafür, dass wir uns nicht unterordnen wollten. Eigentlich ganz normaler Teeniekram: Musik, Radau und Provokation. Wir wollten mit lustigen Aktionen schocken. Randale war immer nur Pose. Das haben aber leider nicht alle kapiert. Auch die ganzen Kidpunks nicht. Andererseits waren wir nie die hyperkorrekten, märtyrerischen Gutmenschen. Wir ham auch `ne Menge Scheiße gebaut.

Fleck: Alkohol war NIE im Spiel!

Wie sah das Verhältnis zur Staatsmacht aus? Was für Erlebnisse hattet ihr?

Oliver: Eigentlich hatte ich am Anfang wenig Probleme mit Polizei und Staatsorganen. Man stand allem und jedem erstmal misstrauisch gegenüber und stellte sich auf ein gewisses Katz- und Mausspiel ein. Wenn man z. B. Bahnhöfe betrat oder wieder verlassen wollte, gab es ja immer mehrere Ein- und Ausgänge. Irgendwie kam man unerkannt an der Trapo vorbei. In unserem Umfeld gab es Typen, die uns suspekt waren, die viele Fragen stellten und alles wissen wollten. An eine Story kann ich mich noch gut erinnern. Ein gewisser Andres, angeblich Hausmeister des „Haus Altmarkt“, umschwirrte uns wie eine Motte das Licht. Er versprach uns u. a. Studioaufnahmen zu ermöglichen. Als wieder mal das Pressefest bevorstand, wurden wir von ihm zu einer Getränkeverkostung der härteren Art eingeladen. Er servierte uns reichlich Spirituosen, von denen wir einige probierten. Doch unser Hausgetränk war nun mal Bier, und so versenkten wir die meisten hochprozentigen Muntermacher in die Blumentöpfe seines Wohnzimmers. Es ging ihm nur darum, uns so abzufüllen und außer Gefecht zu setzen, dass wir nicht mehr in der Lage sind, das fröhliche Treiben des Pressefestes mit unserem Erscheinen zu ruinieren. Doch leider ist es ihm nicht gelungen, nur den Blumen ging es schlecht (verzeiht uns).

Jörg: Wir ahnten, wer uns bespitzeln könnte. Einer, bei dem sich auch der Verdacht als absolut begründet erwies, war Egon. Einerseits stellte er uns einen Proberaum zur Verfügung, borgte uns eine Anlage, organisierte Auftritte, fuhr uns mitunter sogar mit seinem Moskwitsch mit Anhänger zum Veranstaltungsort, machte die Aufnahmen für unser Demotape bei seinem Schwager im Proberaum. Andererseits schrieb er eifrig Berichte über uns. Aber wir waren zu unbekümmert, um uns konsequent abzugrenzen und nahmen manche Unsicherheit in Kauf. Wir hatten eine Strategie entwickelt damit umzugehen. Manchmal machten wir uns auch über diese Leute lustig und streuten solche Gerüchte wie, dass am Wochenende eine Party steigt, zu der 200 Punks aus der ganzen DDR anreisen. Wie ich später in meinen BStU-Akten lesen konnte, wurden diese Storys für bare Münze genommen. Die Trapo am Hauptbahnhof war da wirklich in Alarmbereitschaft! Im Februar 1984 holten die Bullen unseren Kumpel Zacke von der Arbeit ab (sie glaubten wohl, er wäre Bandmitglied), sind mit ihm zum Proberaum gefahren und haben die Tür aufgebrochen, denn Zacke hatte keinen Schlüssel. Dort wurde alles durchsucht, sie kratzten mit einem Skalpell Farbproben von den Sprühereien an den Wänden in Reagenzgläser und nahmen Texte in Beschlag. Es ging wohl darum, uns nachzuweisen, dass wir für diverse Graffiti in der City verantwortlich waren. In diesem Zusammenhang wurden einige von uns „vorgeladen“ und es gab Wohnungsdurchsuchungen. Bei Fleck sind sie eingebrochen, während er zur Vernehmung auf dem Revier war.

Olaf: Am gleichen Tag standen zwei dümmlich aussehende Typen vor unserer Wohnungstür, wiesen sich als Kriminalbeamte aus und fragten meine Mutter, ob ich zu Hause sei. Als sie sagte, ich läge noch im Bett, sagten sie: „Sofort anziehen! Mitkommen! …zur Klärung eines Sachverhaltes.“ Den ganzen Tag saß ich in einem weißen Raum des Polizeireviers und mir wurden die blödesten Fragen gestellt, angefangen von: „wo waren Sie am 3. Januar zwischen 16 und 20 Uhr“ bis hin zu: „Gehört Ihre Schwester auch der so genannten Punkerbewegung an?“

Wie kam es zu den Ordnungsstrafverfahren wegen illegaler Auftritte?

Jörg: Am 30.04.1984 fand in der Börse Coswig ein Konzert mit der Metal-Band MCB statt. Weil wir wussten, dass die viel von Motörhead spielen, sind wir dort hingegangen. Es fanden damals nicht viele Konzerte statt, die uns interessiert hätten und in der Not frisst der Teufel Fliegen. Aber die Jungs von MCB waren sehr nett. In einer ihrer Pausen fragten wir spontan, ob wir mal paar Lieder spielen können. Sie waren einverstanden. Das muss man hoch anerkennen, denn es hätte ihnen großen Ärger einbringen, vielleicht sogar die Pappe kosten können. Zum Erstaunen aller kamen unsere Songs sehr gut an. Es wurde sogar richtig GETANZT… Daraufhin fragte uns der Klubhausleiter Wolfgang Zimmermann, der immer offen für „schräge“ Sachen war, ob wir nicht noch mal „offiziell“ auftreten wollen. So kam es dazu, dass wir am 24.10.84 im Rahmen einer Diskothek mit der Gruppe Integral wieder in Coswig spielten. Einige Zeit später flatterten uns Ordnungsstrafverfahren wegen Auftretens ohne Spielerlaubnis ins Haus. Dagegen konnten wir nicht viel tun. Es war ja damals so, dass Bands eine Einstufung brauchen, um öffentlich spielen zu dürfen. Bei einer Geburtstagsfeier am 23.02.85, die als geschlossene Veranstaltung im Jugendklub Luga stattfand, spielten wir zusammen mit Suizid. Daraufhin wurden Ordnungsstrafverfahren wegen illegalen Auftretens im Wiederholungsfall eingeleitet. Diesmal sah die Sache für uns anders aus, da es sich um eine geschlossene Veranstaltung gehandelt hatte. Wir erhoben Einspruch und beschwerten uns, aber ohne Erfolg. Die DDR-Justiz bog sich ihre Paragraphen zurecht, wie sie es gerade brauchte.

Oliver: Beim ersten Ordnungsstrafverfahren war ich noch nicht mit dabei. Da haben die Spitzel wohl schlampig gearbeitet und nicht ermitteln können, wie mein richtiger Name und meine richtige Adresse lauteten. Aber nach dem Auftritt in Luga war ich dann mit persönlicher Vorladung durch den damaligen Leiter der Abteilung für Kultur, Genossen Seltmann, auch dran. Ich musste 50 Mark der DDR Strafe zahlen und bekam die Auflage, nicht noch einmal „ungenehmigt Musik zu spielen ohne Einstufungsgenehmigung“. Die anderen waren „Wiederholungstäter“ und mussten je 300 Mark zahlen.

Wo seid ihr außerdem aufgetreten?

Jörg: Wir haben oft mit Wutanfall zusammen gespielt, zum Beispiel bei einer Party in der Kunsthochschule Dresden und bei Punktreffen in kirchlichen Einrichtungen in Halle, Leipzig und Berlin. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Nur bei einem Konzert in der Erlöserkirche in Berlin waren die Wutanfall-Leute stinksauer auf uns. Am Ende des Konzerts war nur noch für eine Band Zeit, ein paar Songs zu spielen. Sowohl Wutanfall als auch wir wollten das natürlich unbedingt. Während die vorletzte Band noch spielte, drängten die Mitglieder beider Bands an den Bühnenrand, um ja als erste bei den Instrumenten zu stehen. Es wäre fast zu Handgreiflichkeiten gekommen.

Oliver: Schließlich konnte Paranoia spielen, weil Wutanfall nicht vollzählig war. Einer von ihnen musste wohl dringend aufs Klo.

Fleck: In unseren Proberäumen auf der Hubertusstrasse und später im Hexenhaus, Laubegast, arteten Proben häufig zu Partys aus. Auch wenn KEINE Gäste da waren!

Jörg: Im Sommer 1983 reisten Olaf und ich nach Budapest. Ungarische Punks luden uns zu einem Konzert ein. Dort spielten die Bands T-34, Mosoi und Kretens. Das Ganze fand auf einem Privatgrundstück statt und es stand eine fette Anlage da. Wir wurden gefragt, ob wir auch spielen wollen. Als Schlagzeuger half Imre von T-34 aus.


Punx in Binz auf Rügen 1983

Was lief sonst noch so in Dresden?

Jörg: In den Künstlerkreisen der Neustadt gab es eine Jazz-Freejazz-Avantgarde-Szene. Da wurde Punk einerseits als primitive Proletenkacke belächelt, andererseits wurden Punkeinflüsse verarbeitet, siehe Zwitschermaschine, Blues AG, Dreieck etc. Ich fand das fürchterlich!!!

Fleck: Da habe ich mir lieber Ollis Betonmischer angehört.

Jörg: Wir hatten so eine Geste: mit einem Finger die virtuelle Nickelbrille auf der Nase zurechtrücken, mit dem anderen die langen Haare hinter die Ohren streichen. Da wussten alle Bescheid… Intellektuelle!!! Wir waren schon ziemlich intolerant, aber das war auch gut so!

Olaf: In meiner Lehrzeit als Werkzeugmacher lernte ich Jänz kennen, der auch Gitarrist war. Wir sprachen oft über Musik und ich merkte, dass er durch meine Erzählungen immer interessierter an der Punkszene wurde. 1984 gründete er Suizid. Wir hingen oft zusammen ab und haben paar Gigs mit ihnen gespielt.

Gab es Kontakte zur Kirche?

Jörg: In Dresden damals gar nicht. Wir waren mal bei einem Fest in der Weinbergkirche, von der es hieß, dass dort systemkritische Sachen laufen. Aber es waren nur Hippies da, die sich anscheinend von unserem Erscheinen gestört fühlten. Erst nach unserer Zeit, so ab 1986, fing die Kirche in Dresden an, sich um Punks zu kümmern.

Welche Kontakte hattet ihr zu Punks in anderen Städten und im Ausland?

Jörg: Wir hatten gute Kontakte zu Punks in Leipzig, Weimar, Karl-Marx-Stadt und Berlin. Allerdings eher zu bestimmten Einzelpersonen oder Personengruppen, nie so zum breiten Szene-Mob. Unter anderem besuchte uns häufig eine Mädchenclique aus Karl-Marx-Stadt. Da es in Dresden nur wenig Punkfrauen gab, fanden wir das natürlich nett. Zu einer Party in unserem Proberaum, wo wir eigentlich nur mit fünf bis sechs Gästen aus Leipzig gerechnet hatten, rückte eine riesige Horde an. Es waren mindestens 50 Leute aus Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Weimar und auch zwei aus Ungarn. Von 1983 bis 1985 fuhren wir im Sommer regelmäßig nach Budapest, wo wir Leute aus der Punkszene kannten. Außerdem hatten wir umfangreichen Briefverkehr zu Punks und punkinteressierten Menschen in Westberlin, der BRD, England, Holland, Finnland und Australien. Mit einigen trafen wir uns in Berlin, Dresden, der CSSR oder Ungarn.


Ostberliner Punks 1987

Gab es damals Tapes oder Platten von Paranoia?

Jörg: Im Dezember 1984 machten wir Aufnahmen bei Andek Baumgärtel in Hermsdorf. Er hatte einen Proberaum, der mit einfachen Mitteln zu einer Art Studio ausgebaut war. Dort hatten auch Zwitschermaschine und Saukerle die Songs für die Platte „DDR von unten“ aufgenommen. Wir spielten an einem Nachmittag 26 Songs live ein, ohne uns länger mit Feinarbeiten aufzuhalten. Deshalb klingen sie recht ungehobelt. Das Tape mit unseren Aufnahmen schmuggelten Freunde aus Bremen in den Westen. Zwar kam damals keine Platte zustande (Weird System, Hamburg lehnte wegen zu schlechter Qualität ab), aber es gab Radioausstrahlung und Presseresonanz. Die Platte erscheint jetzt mit 23-jähriger Verspätung bei Rundling Records in Kooperation mit Major Label.

Oliver: Anfang der 90er Jahre erschienen auf Nasty Vinyl von Paranoia die EP „Good Bye Annaki“ und auf Krachschwindel Records der Sampler „Back To Punk, Vol. 3“ mit fünf Paranoia-Songs.

Wie kam es zu der legendären Haarschneide-Aktion?

Jörg: Von Anfang an hatten wir ein ambivalentes Verhältnis zur Punkszene. Das hat sich auch in einigen Texten niedergeschlagen. Mit zunehmender Zeit distanzierten wir uns immer mehr davon. 1985 hatten wir mit Gruppenzwängen, Kleiderordnung und den ganzen Ritualen kaum noch was am Hut. Das führte dazu, dass Fleck, Blitz und Marco von Suizid und ich häufig als Provokation mit irgendwelchen Skinheadsprüchen kokettierten. Einigen anderen „Veteranen“ ging es in dieser Zeit ähnlich, u. a. Bernd Stracke. Wir tauschten uns darüber aus. Eines Tages im Sommer kam er mit seiner gefräßigen Haarschneidemaschine vorbei…
(Siehe hierzu auch die Fanzine-Story “Noies Doitschland” unten!)

Fleck: Ich habe von vielen Dingen nur noch Fragmente von Erinnerungen.

Oliver: Sollte das am „Coschützer“ gelegen haben?

Gibt’s andere Storys, an die ihr euch noch erinnern könnt?

Jörg: Wenn es unbedingt sein muss… Anlässlich des Weltraumflugs unseres Fliegerkosmonauten Sigmund Jähn erschien bei Amiga eine Platte mit dem selbstbewussten Titel „Die Erde dreht sich linksherum“. Die lag wie Blei in den Läden, hat keinen interessiert – außer uns! Wir haben uns über „Bruder Gagarins“ oder „Unser Mann aus dem All“ köstlich amüsiert. Die Leipziger kauften alles weg, was sie davon kriegen konnten und verschickten es in den Westen. Ob die Wessis den Humor verstanden haben oder sich nur gefragt haben, sind die im Osten jetzt völlig durchgeknallt…?

Und das Ende?

Jörg: Herbst 1985 lösten wir Paranoia aus mehreren Gründen auf: Oliver ist ausgestiegen, Olaf hat einen Ausreiseantrag gestellt, Fleck und ich standen kurz vor der Inhaftierung…

Fleck: Das Leben ist kein Ponyhof.

 

 

Der folgende Bericht „Leipzig Punx: Ein Bericht vom tragischen Untergang“ ist erstmals 1985 im Force Of Hate-Fanzine (Nr. 2) erschienen, und war eine Bestandsaufnahme über die damalige Punk- und Skinhead-Szene in der DDR. An sich war das ja nichts besonderes, hatte ich doch schon unzählige Szeneberichte aus aller Welt in meinen Fanzines veröffentlicht,- aber, und das war in diesem speziellen Fall wirklich ein Novum in der deutschen Fanzineszene, noch keinen so authentischen Szenebericht aus Honnekers DDR. Authentisch, weil Bernd S. (“Schleim-Oi”), Autor dieses Artikels, nicht nur DDR-Bürger war, sondern ein Szene-Insider mit Kontakt zu fast allen wichtigen Punk-Bands der DDR, wie z. B. SCHLEIMKEIM aus Erfurt, PLANLOS, NAMENLOS und UNERWÜNSCHT aus Ostberlin, ZUCHT aus Leipzig oder PARANOIA aus Dresden. Bernds Szene-Report wurde schliesslich zu einem Politikum, das die STASI (DDR-Staatssicherheit) und DDR-Justiz auf den Plan rufen sollte. Ein DDR-Bürger hatte es gewagt, die Zensur und Kontrolle der kommunistischen „Staatsorgane“ zu umgehen; das war mehr als dieser “Staat” ertragen konnte. Sieben Wochen nach dem Erscheinen seines Artikels im “Force Of Hate” wurde Bernd wegen “illegaler Kontakte und Nachrichtenübermittlung ins nichtsozialistische Ausland” (Dortmund) und wegen “Herabwürdigung von staatlichen Organen der DDR” von der STASI verhaftet und nach zwei Monaten U-Haft zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Und das nur, weil er für mein Fanzine einen Artikel über den Alltag von Punks und Glatzen im “real existierenden Sozialismus” der DDR geschrieben hatte. Nach einem Jahr Haft wurde Bernd im Spätherbst 1986 von der Bundesrepublik freigekauft und nach Westberlin abgeschoben. Am 31. Dezember 1986 besuchten wir ein Sylvesterkonzert hier in Dortmund. Die alten Fanzine-Seiten mit Bernds Bericht waren auch Teil der Ausstellung “Too much future - Punk in der DDR”, die vom 18.08.07 bis zum 14.10.07 im Dresdner Stadtmuseum stattgefunden hat.

Günter Gruse

von
Bernd Stracke, Leipzig (1985)

(Aus dem FORCE OF HATE-Fanzine / Ausgabe 2 / 1985)

Es begann im Sommer 1981. Ein paar Leipziger Punx gründeten in einer besetzten Wohnung die erste Punk-Band der “Deutschen Demokratischen Republik“: WUTANFALL! Es war eine aufregende Zeit. Alle – es gab damals gerade so um die fünfzehn Punx in Leipzig – gehörten zusammen und es herrschte ein enormer Zusammenhalt. Die meisten kamen aus einem bürgerlichen Elternhaus und viele waren vorher Hippies. Wir hörten Musik wie ZK, SEX PISTOLS, DAMNED oder STRANGLERS. Man traf sich auf Feten, zu den WUTANFALL-Proben und machte sich die ersten Gedanken zur Anarchie. 1982 gab es dann die ersten grösseren Punk-Treffen in Erfurt, Leipzig und Berlin. Diese Treffen waren ein voller Erfolg, zumal die Bullen ziemlich ratlos dreinschauten, weil sie nicht wussten, wie sie uns einordnen sollten. Wir waren richtige Ur-Punx, so mit Jackets, Ketten, selbstgemachten Stickern und den G9-Arbeitsstiefeln (absolut herrlich). Damals prägten Titel wie „Leipzig in Trümmern“, „Polizei“ und „Hektik“ den Namen von WUTANFALL. Die damalige Besetzung war Uwe (Rotz) am Schlagzeug, Jürgen (Chaos) Gesang, Imad und Schmitz Gitarre. Auftritte konnten damals wie heute nur unter dem Schutz der evangelischen Kirche stattfinden, die aber auch bald die Schnautze von uns voll hatten. Nur ganz wenige Jugendpfarrer lassen uns heute noch in Kirchräumen auftreten. Wir hatten aber trotzdem kaum unter polizeilichen Einsätzen zu leiden. Das einzige was uns ab und zu Schwierigkeiten (oder blaue Augen) bereitete, waren Fussballfans oder nichts begreifende Bürger.


Originalseiten mit Bernd Strackes DDR-Report aus dem FORCE OF HATE Nr. 2 von 1985.
Diese Fanzine-Seiten waren auch Teil der Ausstellung “Too much future - Punk in der DDR”, die vom 18.08.07 bis zum 14.10.07 im Dresdner Stadtmuseum veranstaltet wurde.

Und dann kam das Jahr 1983! Meiner Meinung nach das Jahr der Blüte und des Beginns des allmählichen Untergangs. WUTANFALL hatte zu dieser Zeit die bedeutensten Konzerte, oft zusammen mit SCHLEIMKEIM aus Erfurt, PLANLOS und UNERWÜNSCHT aus Berlin. Damals waren alle Bands bemüht schnell und hart zu spielen. Das ist bei uns in der DDR oft ein Problem, mit den Anlagen, denn die sind hier sehr teuren und die meisten Leute waren noch Lehrlinge. So klang die Musik auch oft entsprechend mies und die vielen guten Sachen kamen kaum zur Geltung. 1983 gab es sehr viele Gigs, Feten und Punx. In Leipzig gab es sogar einige Kneipen und Cafes, in denen hauptsächlich Punx verkehrten. Musikalisch waren Bands wie EXPLOITED, SLIME, HASS, GBH und CRASS am populärsten – und nicht zu vergessen WUTANFALL. Im Sommer sind dann viele von uns nach Ungarn gefahren, was grossen Einfluss auf die Leipziger Szene hatte. Da es in Ungarn etwas toleranter als bei uns zuging, konnten wir dort die ersten echten Sticker kaufen. Es begann der Lederjacken- und Nieten-Kult, von dem kaum jemand verschont geblieben ist. Einen großen Eindruck hinterließ bei mir ein Zusammentreffen mit den TOTEN HOSEN in Budapest.


TOTE HOSEN, 1984 in Budapest (Ungarn)

Und dann fing es langsam mit der Scheisse an. Es gab immer mehr Punx und darunter waren jetzt auch viele Wixer, die sinnlos besoffen Flaschen in der Gegend rumwarfen und für echt sinnlose Randale gesorgt haben. Dadurch wurde die Polizei langsam wild. Sämtliche gastronomische Einrichtungen wurden für Punx unzugänglich, und ständig gab es Kontrollen auf der Strasse. Man konnte nun zwischen den Leipziger Randale-Punx (genannt die „Obstweinbande“), für die sich die Polizei interessierte, und die WUTANFALL-Punx, die mehr das Augenmerk der Staatssicherheit (STASI) auf sich lenkten, unterscheiden. Trotzdem gab es noch sehr gute Aktionen. Dann kam die große Zeit der Verhaftungen. Die Gründe liefen immer auf Rowdytum hinaus, was bei uns in der DDR ein allumfassender Begriff ist. Darunter fallen z. B. Sprühereien, Flugblätter und unangemeldete Friedensaktionen. Viele gingen auch zur Armee. Das alles riss natürlich Löcher in die Szene und schüchterte die Leute ganz gewaltig ein. Die meisten Berliner Bands lösten sich auf, bis auf NAMENLOS (Jana, Mita + Micha). 1984, nach dem Chaos WUTANFALL verlassen (wegen persönlichen Gründen und dem ständigen Stress mit der Polizei) und ich die letzten neun Monate bei WUTANFALL gesungen hatte, löste ich im November 1983 die Band auf. Der Hauptgrund waren Auseinandersetzungen und heftige Streitereien zwischen den einzelnen Bandmitgliedern. 1984 ereignete sich nix, was sich lohnt erwähnt zu werden. Aber PUNX NOT DEAD!!!

Anfang 1985 gründete ich die Hardcore-band L’ATTENTAT. Sie besteht aus der alten WUTANFALL-Formation, und greift auch auf einige der alten Stücke zurück. Wie z. B. „Leipzig in Trümmern“, „Jetzt erst Recht“, „Bürgerkrieg“ und „Camping am Müggelsee“. Gute und erwähnenswerte Bands sind noch NAMENLOS aus unserer Hauptstadt (FOH: Ostberlin), ZUCHT aus Leipzig und PARANOIA aus Dresden. Die Dresdner (die besten Brain-Punx der DDR) machen sehr guten 77er Fun-Punk. Wir sind die einzige Band in der Republik, die den Hardcore-Stil beibehalten hat. Unsere Texte sind gegen Nazis, gegen Campingspiesser, für Zusammenhalt, aber auch viele Fun-Texte. Die Band ist das einzige, was mich noch Punk bleiben lässt, denn alles andere ist voll fürn Arsch, aber ich glaube das scheint international zu sein. Ihr habt nur den Vorteil euch organisieren und treffen zu können und bei uns ham se fast alles kleingekriegt. Aber eben nur fast, denn PARANOIA, NAMENLOS und wir halten bis zum großen Knall durch. Ich bitte euch bei all dem zu berücksichtigen, dass wir uns jede einzelne Musik, jede Band und jedes Geschehen in Sachen Punk selbst aneignen oder entdecken mussten. Bei uns geht die ganze Sache nämlich nicht durch die Medien, daher gibt es auch keine Informationen. Ob dies zum Vor- oder Nachteil ist, kann ich jetzt nicht ganz genau sagen, aber gerade in Sachen Musik fehlt da vielen von uns ne ganze Ecke. Dort mal ein Lied und da mal ein Brocken oder ein Wort aufgeschnappt ist ganz schön wenig. Ausserdem ist es bei uns unter Strafe verboten, Flugblätter oder Fanzines zu produzieren, so das wir uns auch auf diesem Wege nicht informieren können. Das nur zur Ergänzung, weil euch manche Stellen sicher etwas naiv erscheinen müssen.

Bernd, 1985