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“Historischer” Background des Punkfanzine FALSCHMELDER (1982-85)

(G. Gruse)

Die Sache mit dem Punk begann eigendlich schon 1975. In dem Jahr, in dem sich die Supermacht USA fluchtartig aus Vietnam zurückziehen musste, der Liter Normalbenzin in Deutschland noch 84 Pfennig (42 cent) kostete, und im Hochsicherheitsknast von Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen die RAF-Terroristen Anderas Baader und Ulrike Meinhoff begann. Und es war das Jahr, in dem in den vergammelten Musikpubs britischer Vorstädte immer mehr neue Bands auftauchten, die später unter dem Begriff „Punk“ in die Rockgeschichte eingehen sollten. Die Roots dieser Bands, die ihren lauten, aggressiven und oft dilettantischen „Working Class Rock ’n’ Roll“ als wütenden Protest gegen die „Macht der herrschenden Klasse“ verstanden, lagen meist in der antibürgerlichen oder proletarischen Subkultur britischer Großstädte. Ihnen ging es nicht um irgendwelche musikalische Finessen wie Ego-Solis oder pompöse Kompositionen, sondern um die Message in ihren Texten. Über Nebensächlichkeiten wie musikalische Fähigkeiten machte man sich dabei herzlich wenig Gedanken. Es brauchte nur eine Gitarre, einen Bass und ein Schlagzeug, und zwei bis drei halbwegs gelungene Akkorde, um seine Wut und seinen Hass gegen die Bullen, die Bosse oder die Monarchie herauszuschreien. Das sei nichts anderes als „kranke Musik für verrückte und geistig verkrüppelte Asoziale“ giftete damals ein „Kulturjournalist“ des EVENING STANDART. Dabei war die Zeit längst reif für diese Musik. Zumal die etablierte Rockmusik und millardenschwere Plattenlabels wie EMI und VIRGIN seit Jahren im eigenen Saft, das heisst, im klinisch sauberen Mainstream-Rock a’la ROLLING STONES und BEATLES schmorten. Aber nicht nur die Rockmusik, ganz England trat seit Jahren auf der Stelle. Im Gegensatz zum übrigen Europa war England eine verarmte trostlose Insel, auf der man nach Mitternacht weder in eine Disco noch in einem Pub gehen konnte. Noch nicht einmal in London. Um 24 Uhr wurde dort wie im ganzen Land „Good save the Queen“ gesungen, die Bürgersteige hochgeklappt und das Licht ausgeknipst. Ansonsten war der Alltag von politischer und wirtschaftlicher Stagnation, hoher Inflation, dramatisch steigenden Arbeitslosenzahlen und Streiks bestimmt. Klassenkampfparolen erschütterten das Land. In den grauen Vorstädten, den verrotteten Arbeitervierteln von London, Birmingham oder Manchester regierten Armut und Zerfall. Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit bestimmte den Alltag der Jugend. In den Musikclubs der Vorstädte waren Alkohol, Drogen und Nihilismus angesagt! Das „No Future“-Feeling der SEX PISTOLS (Siehe unten: “Anarchy in the U.K.”) wurde da für viele Jugendliche aus der britischen Unter- und Mittelschicht zur Ideologie! Und nicht nur auf der Insel! Spätestens nach der Veröffentlichung der SEX PISTOLS-Singles „Anarchy in U.K.” (1976) und „God save the Queen” (1977) und dem damit verbundenen empörten Aufschrei in den britischen Medien, war das Phänomen „Punk” auch in der westdeutschen Jugendkultur angekommen. Und nach der SPIEGEL-Titelstory „Punk - Kultur aus dem Slums: brutal und hässlich" von 1978 (Siehe PDF-Datei) auch im Bewusstsein der westdeutschen Öffentlichkeit. 
Zu diesem Zeitpunkt war deutscher Punk noch eine Bewegung, die von unten, von den Strassen der Großstädte kam. Diese Punks verkörperten eine rebellische Generation junger Menschen, die sich nicht mit dem zufrieden geben wollte, was ihr von der Platten- und Modeindustrie als cool oder trendy vorgekaut wurde. Statt sich einem fantasielosen Konsum- und Markenterror, oder dem „Diktat“ der Plattenindustrie zu unterwerfen, wollte man seine eigenen Fantasien ausleben; wollte selber Musik machen; selber Konzerte organisieren,- und so kotzten sie den damaligen Verhältnissen mitten in die bürgerliche Fresse - und wurden Punks. In jeder Großstadt, in jedem kleinen Kaff - vom finstersten Bayern bis rauf zur sturmumtosten ostfriesischen Küste - waren Punkbands wie Pilze aus dem Boden geschossen. Geprobt wurde in besetzten Häusern, in Garagen, oder daheim im Keller. Das erste Konzert hatten diese Bands in der Regel auf irgendeiner Schul- oder Unifete. Meist endeten die Auftritte damit, dass der tapfer vor sich hin brüllenden Band nach einem Text wie „Ich fick’ Ronald Reagan in den Arsch...Oi...Oi...Oi!“ oder „Herr Jesu, die Drecksau, ist heute gebor’n, Maria, die Nutte hat die Unschuld verlor’n“ von irgendeinem angesäuerten Lehrer oder Hausmeister der Strom abgedreht wurde. Und alle diese kleinen Bands hatten natürlich ihre Fans. Nicht weniger laut, nicht weniger aggressiv, bunt und schrill als ihre Kumpels auf der Bühne.
Aber Punk war nicht nur laute und aggressive Musik,- nicht nur ein schrilles, oft bedrohlich wirkendes Outfit, sondern auch eine Art von Jugendrebellion gegen eine “verspiesserte und satte” Gesellschaft, die den Sinn ihres Lebens darin sah, sich den kleinbürgerlichen Arsch für ein Reihenhaus am Stadtrand, ein neues Auto oder für den nächsten Urlaub  aufzureissen. Kurz, das ganze „bürgerliche Schweine-System“, also der Staat, und alles was ihn repräsentierte, die Lehrer an den Schulen, die Ausbilder in den Betrieben, und natürlich die Bullen auf der Strasse, wurden von vielen Punks der “first generation” in Frage gestellt. Anarchie rules! Die SEX PISTOLS, CRASS und DEAD KENNEDYS lieferten dabei die Ideologie. Die totale Freiheit des Einzelnen schien damals die einzig sinnvolle Alternative zum alles „kontrollierenden Bullen- und Bonzenstaat“. Und dieses Gefühl von Freiheit und Anarchie haben wir gnadenlos ausgelebt. Im Kampf um  besetzte Häuser, um die Strassen (Siehe hierzu PUNKERPOWER 1982), oder auf den “CHAOS-Tagen” (Siehe hierzu CHAOSTAGE 1983 und CHAOSTAGE 1984). Der stumpfen Langeweile eines von Schule, Arbeitswelt und Elternhaus reglementierten Alltags setzten wir ein eigenes Lebensgefühl von urbaner Freiheit entgegen.
Das Sprachrohr der deutsche Spiesserseele, die BILD-Zeitung, war natürlich entsetzt. Mit den kiffenden Hippies der Woodstock-Generation hatte man sich ja noch abgefunden, aber der Anblick dieser “Guerilla diffusa” mit den zerfetzten Klamotten und den bunten, mit Seife oder Haarspray zu Stacheln oder Iro’s hochgestellten Haaren, das war mehr als der konservative Mainstream auf nüchternen Magen ertragen konnte. Der Anblick dieser “schmutzigen Gestalten verletzt das gesunde Volksempfinden”, hiess es 1982 in einem Leserbrief der “Rheinische Post” zum Thema “Punkerterror in der Altstadt”. Zumal “dieser menschliche Abschaum jeden Respekt vor staatlichen Autoritäten und gesellschaftlichen Werten verloren” hätte. Dieser Leserbrief war keine Einzelmeinung, sondern entsprach durchaus dem politischen und gesellschaftlichen Zeigeist der frühen Achtziger Jahre. Auf den Punkt gebracht wurde das von Hannovers SPD, die in einer öffentlichen Sitzung des Stadtrats das “Punkerproblem auf Hannovers Strassen” zu einer Sache der “Müllabfuhr und nicht der Gesellschaft” erklärt hatte. Da konnte es dann schon mal passieren, das festgenommene Punks von der Polizei zur nächsten Müllkippe gekarrt und dort ausgesetzt worden sind.


Aus FALSCHMELDER Nr. 2 (1983): “Günter Gruse, trifft vor dem NixDa sein besseres Ich!”

Das alles war Normalität in einem Deutschland, das geprägt war, von der bedrohlichen Atmosphäre eines durch den “bewaffneten Kampf” der RAF (“Rote Armee Fraktion”) politisch und intellektuell tief gespaltenen Landes. Ein Land, in dem Begriffe wie Stammheim, Isolationsfolter und Rasterfahndung, und die Forderung nach der “Todesstrafe für RAF-Terroristen”, die öffentliche Diskussionen und das Bild des Tages bestimmt haben. Sich vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund als Punk zu outen, war daher fast so problematisch als hätte man sich damals zum Schwulsein bekannt. Ich hatte meine mit fetten Killernieten und spitzen Spikes hochgetunte Lederjacke mit einem rückenbreiten stinkefingerzeigenden grellroten "No Future für diesen Scheiss Staat” besprüht. Ein äusserst provokatives und gewagtes Outfit, dass nicht nur für Getuschel in meiner Nachbarschaft, sondern auch so manches mal für einen empörten Volksauflauf auf der Strasse oder im Supermarkt gesorgt hatte. „So was wie du gehört in ein Arbeitslager” oder “Hitler hätte euch schon Zucht und Ordnung beigebracht“, waren da noch die freundlichsten Kommentare, die man sich auf der Strasse anhören durfte. Von Sprüchen wie „Euch sollte man doch alle vergasen“ will ich gar nicht erst reden. Es blieb nicht nur bei üblen Pöbeleien. Besonders, wenn man den Hatefreaks irgendwelcher “Bürgerwehren” in die Arme gelaufen war. Dann war ein fröhliches Punker-Bashing angesagt! Was da bei vielen Punks, neben blutenden Nasen und blau geschlagenen Augen, haften geblieben ist, war der “Hass auf das Schweinesystem”. Und dieser Hass artikulierte sich nicht nur durch Bands wie SLIME (“Deutschland muss sterben!” oder “Weg mit dem Scheiss System”), sondern auch und besonders in den Fanzines, die zu Beginn der Achtziger Jahre vermehrt in der Punkszene kursierten. Was nicht zuletzt der massiven Verbreitung der Fotokopiertechnik durch die in vielen Städten neu entstandenen Copy-Shops zu verdanken war. Mein Punkfanzine DER FALSCHMELDER war ein “Kind” dieser Zeit. Seine unfreiwilligen Geburtshelfer waren Polizeiknüppel und bürgerliche Intoleranz! Ein Fanzine, das innerhalb kürzester Zeit zu einer Institution innerhalb der Punkszene, und zur “Anlaufstelle” für viele auswärtige Punks wurde. Ursprünglich sollte der FALSCHMELDER eine einmalige Sache sein. Eine Reaktion auf die unsachliche und tendenziöse Berichterstattung der Medien über die Wuppertaler Brunnentreffen, bei denen es im Juni 1982 zu einer wüsten Strassenschlacht zwischen Punks und Polizei gekommen war (siehe hierzu auch PUNKERPOWER 1982). Die Reaktionen auf dieses Heft (54 Seiten), das im Januar 1983 unter der Headline "Punks und Polizei in Paranoia-City" erschien, waren jedoch so positiv, dass bis Januar 1985 noch sechs Ausgaben dieses Fanzines folgen sollten. Danach rasierte sich der FALSCHMELDER eine Glatze, und wurde zum FORCE OF HATE.


1983: Düsseldorf, das Punkhaus auf der Kiefernstrasse. Hinter diesen bunten Mauern, genauer gesagt, den Fenstern im Erdgeschoss, entstanden die sieben Ausgaben des “legendären FALSCHMELDER” (Karl Nagel 1994 im ZAP). Ohne das chaotische Flair dieser Strasse mit ihren sechs besetzten Häusern, hätte es das FALSCHMELDER-Punkzine wohl nie gegeben.

Inzwischen haben Fanzines wie der ehemalige FALSCHMELDER viel von ihrer einstigen Bedeutung und Faszination verloren. Sie sind für die Szene nicht mehr so wichtig, wie sie es noch vor 25 Jahren waren, als Punk von den Medien noch weitgehend “totgeschwiegen” wurde. Da boten Fanzines die einzige Plattform, um Kontakte zu knüpfen, Infos auszutauschen, oder Punkbands oder Konzerttermine zu pushen. Nur über die mehr oder weniger gut vernetzte Fanzineszene, konnte man im “Vor-Internet-und-Handy-Zeitalter” so etwas wie “Öffentlichkeit” schaffen. Wenn auch nur im eng begrenzten Rahmen der jeweiligen Fanzineauflage. Andererseits wären so legendäre “Grossereignisse” wie die berüchtigten “Chaos-Tage” der Jahre 83/84 ohne das “propagandistische Begleitfeuer” der Fanzine-Szene im Vorfeld wohl unmöglich gewesen. Schon vom Zeitabstand und historischen Background her sind diese Fanzines nicht mit kommerzorientierten Hochglanz-Zines a’la PLASTIC BOMB, OX oder MOLOKO PLUS zu vergleichen. Wirken diese oftmals steril und uniform im Layout, so waren die Fanzines der frühen Achtziger Jahre viel individueller, jedes Heft hatte so etwas wie eine eigene “Persönlichkeit”! Vielleicht lag es ja daran, dass von den Machern derartiger “Druckwerke” mehr Kreativität gefordert war. Statt Computer mit Layout-, Text- oder Grafikprogrammen stand dieser Generation von Fanzinemachern nur Schreibmaschine, Schere, Papier und Klebstoff zur Verfügung. Und nicht zu vergessen, der kleine Fotokopierladen um die Ecke. Jedenfalls war das Zusammenstellen und Layouten dieser Hefte noch echte Kopf-, Hand- und Laufarbeit. Gott sei Dank! Vieles an wilder und chaotischer Fanzine-Kultur dieser Jahre wäre sonst nie entstanden. Die sieben Ausgaben des FALSCHMELDER haben dabei ein Stück deutscher Punkgeschichte mitge- und beschrieben.

 

 

 

Limitierte Nachdrucke des FALSCHMELDER-Punkfanzine von ‘83-’84’
- Gelesen von Markus vom BEZIRK 7-Fanzine -
(Ausgaben Nr. 1, DIN A5, 2 und 4, DIN A4)

Markus (BEZIRK 7): Mein Herren!! Als diese Mach(t)werke im Briefkasten lagen, habe ich nicht schlecht gestaunt! Günter Gruse, dieser Schlingel, hat doch tatsächlich drei alte Falschmelder-Ausgaben (streng limitiert) neu auflegen lassen, und ermöglicht so einen ungeschönten Einblick in den Punkkosmos der wilden 80er Jahre!
Im Falschmelder Nr. 1 (vom Jan.`83) geht es um die Vorkommnisse `82 in Wuppertal, und der Einblick den man hier bekommt ist wirklich geprägt von dem, was man wohl, ohne falsche Ambitionen, 100% Herzblut nennen kann. Dieses Gefühl zieht sich übrigens durch sämtliche Nachdrucke. Schon damals ein zentrales Thema war der Ausverkauf und das stetige immer mehr zur Mode werden der Punkszene - teilweise mit einem Augenzwinkern aufs Korn genommen - auf der anderen Seite mit einer absoluten Abscheu gegenüber Bravo Punks und was sich Jahre später (..bis heute) noch in dieser Hinsicht ergeben sollte. Dieses Feeling der Punks von damals und die kompromisslose Auslegung des eigenen Lebensgefühls zeigt sich besonders in immer wieder auftretenden Konfrontationen mit der Polizei- oder generell dem Staatsaparat an sich. Diese Vorkommnisse/ Standpunkte werden hier allerdings nicht in plumpen Parolen zusammengefasst, sondern bis ins Detail wiedergegeben, bzw. aufgeführt. Musik kommt nicht zu kurz und so gibt es Interviews mit Dead Kennedys sowie mit Kreuzberger Punks, die hier aus der Situation heraus auf Papier gebannt werden. Ebenfalls gibt es eine Retrospektive über die Sex Pistols zu lesen.

Falschmelder Nr. 2 (September `83) wartet mit purem Chaos auf, das allerdings in Form von Collagen-artiger Weise zusammengefügt zu einem Zine. Noch mehr als beim Vorgänger ist dabei das „dagegen sein“ der Punksubkultur der frühen 80er zu erkennen. Dazu gibt es einen Bericht über Rechte Skins, allerdings auch mit der klaren Ansage, dass eben nicht jeder Skinhead ein Nazi ist. Eine Sache, die bei heutigen „Punk“ Zines gerne mal vergessen wird. Daneben werden Songtexte übersetzt, die den Lebenstil und Auffassungen zusätzlich unterstreichen. Dazu gibt es den ersten Teil einer sehr interesanten Sex Pistols Biographie, in der es unter anderem Haufenweise altes Bild- und Zeitungsmaterial der damaligen Presse zu sehen gibt (ebenfalls eine Sache, die das Layout aus heutiger Sicht autobiographisch im Kontrast der damaligen Zeit erscheinen lässt). Auch interessant sind die Konzertreviews und das dort beschriebene stattfindende Chaos. Im Vergleich zu heutigen Punkkonzerten könnte man meinen, dass es bei den meisten Konzerten der heutigen Zeit eher um stilvolle Selbstinszenierungen geht, wohingegen hier (belegt durch Bildmaterial) das absolute Pogochaos losbricht. Auch interessant: Massig Berichte der Toten Hosen aus dem Jahre `83 - hauptsächlich von Konzerten aus kleineren Jugendclubs und Teestuben - um so unwirklicher die Dimensionen, die diese Band heute angenommen hat - ausserdem taucht eine Kapelle namens Social Distortion auf, mit einem damals noch ganz kleinen Mike Ness. Dazu wieder jede Menge Ideale und Ansichten zur damaligen Lage. Hätte ich mich nicht beim ersten Zine schon in Superlativen geübt, würde ich es spätestens jetzt tun!

Falschmelder Nr. 4 (von 1984) legt noch mehr wert auf die Erscheinung, so gibt es noch mehr Collagen und Montagen, und auch politische Themen, wie Amerika in Mittelamerika werden aufgegriffen. SS Ulrtrabrutal kommen zu Wort und stellen sich vor und dieses Interview liest sich genau wie das sich anschließende Gespräch mit The Mob auch heute noch lebendig und einfach aus der Situation heraus gegriffen und konserviert. Ebenfalls recht witzig das Foto eines gewissen Mario (Irek), der hier zarte 16 Lenze alt ist und mit seinem Skateboard posiert, ein paar Takte später hat der gute unter anderem mit Ralf Richter die „Verlierer“ gedreht. Ebenfalls über PIL gibt es was zu lesen und auch das Kölner Platenlabel Rock-O-Rama wird hier aufgrund der immer stärker werdenden Rechtslastigkeit verrissen. Sicher ist das ganze, grade was das Erscheinungsbild betrifft, mit heutigen Zines nicht zu vergleichen, aber auf der anderen Seite, geht es hier nicht um irgendwelche Vergleiche, sondern viel mehr darum, dass es hier eine sicherlichlich nicht objektive, aber dafür aus subjektiver Sicht, einer damals bis aufs Blut rebellischen Subkultur ein Zeitdokument gibt, was Ihr so wahrscheinlich nicht wieder finden werdet.
Ohne dem ganzen jetzt hier eine (unnötige) rosa-rote Brille aufzusetzen, aber dieses Dokument dürfte für jeden der sich für Subkulturen im Generellen und Punk im speziellen interessiert ein Muss sein. Für Skins ist das ganze ebenfalls eine interessante Sache, denn ich denke zwischen den Zeilen sind hier auch Beweggründe zu erkennen, wieso eben viele Punks der 80er einige Jahre später Oi! und Glatze zum Wendepunkt ihres eigenen Leben nahmen. Wie gesagt, dass hier sehe ich als Zeitdokument und wenn Ihr die Chance habt diese Neuauflagen in die Finger zu kriegen, schlagt zu! Ehrlicher kann man die damaligen Emotionen dieser Szene, wie Wut, Hass und Ideale nicht darstellen! 7/7

 


17. Juni 1981: Beim DAF-Konzert (“Deutsch-Amerikanische Freundschaft”) stürmen Punks die Bühne der Düsseldorfer “Philipshalle”

 


APPD-Grafik von BIA BIAFRA / FALSCHMELDER Nr. 5

Über den fehlgeschlagenen Versuch,
die ‘Anarchistische Pogo Partei’
auch in der Modestadt Düsseldorf zu etablieren
berichtet BIA BIAFRA
(Aus FALSCHMELDER Nr. 5 / 1984)

Wärend der grossen Festivitäten um Günters Geburtstag am 2. Juni 1984 war neben diversen Gruppen auch die Sektionsgründung der ‘APPD-Düsseldorf’ angesagt. So strömten schon seit Donnerstag (trotz minimaler Propaganda Massnahmen!) die Ausrasierten und Buntgefärbten über die Kiefernstrasse. Den grössten Teil der Interessierten stellten dann am Samstag die Zugereisten (selbst Günter kannte nicht jeden). Diverse ‘Sektionsvertretungen’ (Köln, Wiesbaden, Bonn, Hannover, München) waren auszumachen. Verschämt mischte ich mich mit meiner Kamera unter die wilden Gestalten. Das ‘Cafe NixDa’ bildete mit seinen nicht vorhandenen Fenstern und Türen ehr den Rahmen für den Dritten Weltkrieg, denn für die Geburtsstunde der ‘APPD-Düsseldorf’.

Da ist ja dann auch nix d’raus geworden. Ich weiss nun nicht, ob’s am Suff (wie sonst!) gelegen hat, oder ob Günter einfach nicht die richtigen Leute für ein solches Projekt - eingedenk der gesellschaftspolitischen Brisanz kein leichtes Unterfangen - findet. Dafür war aber ‘Karl Nagel’ da! Der spielte nach ‘K14’ (die hab’ ich nur von weitem wummer hören) mit dem Zentralkomitee der Partei zum Tanz auf.

Beeindruckend! Gerüchte besagen ja, jene schillernde Figur der Hannoveraner Szene würde weder trinken noch rauchen - im Gegensatz zu den übrigen Gästen. Na, und am nächsten Morgen wurde der Bürgersteig gefegt und dabei die letzten Gäste Richtung Heimat verfrachtet. Eine APPD in Düsseldorf haben wir immer noch nicht (obwohl’s in dicken Lettern über’m Eingang der ‘13’ prangt), aber dafür is’ Punk noch nicht ganz tot...”

Klarstellung von G. Gruse: “Dass es nicht zur Gründung der APPD-Sektion Düsseldorf gekommen ist, war das Ergebniss eines lange vorbereiteter Anschlages gegen mich, den Grossen Vorsitzenden der KPFD (Konspirative Pogo Front Düsseldorf). Zwei ehr- und charakterlose Elemente aus dem Zentralrat der KPFD (Balduin Büxbier und Oigen Verhoigen) haben die günstige Gelegenheit meiner Geburtstagsparty ausgenutzt, und mich, den Grossen Vorsitzenden der KPFD, so derbe mit Alkohol abgefüllt (Büxbier: “Ey, Alta, einer geht doch noch rein, oder?”. Der Grosse Vorsitzende: “Aber klar doch, immer wech’ damit!”), das ich anschliessend nicht mehr fähig war, den Tagesordnungspunkt ‘Umbenennung der KPF in APPD-Sektion-Düsseldorf’ aufzurufen.”
(Aus FALSCHMELDER 6)

 


Düsseldorf 1984 (von rechts nach links): Fisch (KRANKE JUNGS), unbekannt, Gerd N. (E605 / KRANKE JUNGS /SCHWARZE SCHAFE), Klaus D. alias “Balduin Büxbier” (KRANKE JUNGS), Günter G. alias “Veteran” (FALSCHMELDER), Hennig R. alias “Oigen Verhoigen”, Detlev G. alias “der schöne Gühli”, Maria, Floh (?) und unbekannt.

 


Aus dem Punkfanzine FALSCHMELDER Nr.2 / 1983

 


Fotoseite aus FALSCHMELDER Nr. 4: “Die TOTEN HOSEN im NixDa”

 


Grafiken, Lyrik und Collagen aus dem FALSCHMELDER Nr. 2 / 1983

 


Cover FALSCHMELDER-DECONTROL Nr. 4 / 1984 / DIN A 4 Hoch- und Querformat /Geheftet / 87 Seiten / Einige Seiten auf auf farbigen Papier
Cover FALSCHMELDER Nr. 5 / 1984 / Erstmals im DIN A 5-Heftformat / Gebunden / 56 Seiten / Alle Seiten auf farbigen Papier

 


Cover FALSCHMELDER Nr. 7 / 1985 / DIN A 5-Heftformat / Gebunden / 66 Seiten / Einige Seiten auf farbigen Papier / Incl. FALSCHMELDER-SPECIAL

 


Aus dem FALSCHMELDER-Punkzine Nr. 4: MDC im “Bauplatz”, Dez. 1983

1983: MDC im Bauplatz in Venlo

(Texte und Fotos aus dem FALSCHMELDER Nr. 4 / Februar 1984)

GÜHLI aus Düsseldorf: “Wir hatten extra unsere Nietengürtel und -armbänder wegen der miesen Erfahrungen an der holländischen Grenze zuhause gelassen. Aber kaum waren wir in Venlo, mussten so zwei Hirnis auch gleich auf den Bahnsteig pissen und jeder 20 Gulden latzen. Dann das übliche Trara mit den Pässen, Taschen leeren, war aber eigendlich ganz lustig. Sven Brux aus Köln hatte natürlich seinen Ausweis vergessen, aber die holländischen Grenzbullen gaben sich auch mit der Karte der Kölner Verkehrsbetriebe zufrieden...Langsam kamen dann immer mehr Leute, und der 'Bauplatz' machte endlich auf. MDC machten ihren Soundcheck und ein paar Leute pogten dazu. Als Vorgruppe irgend so eine Band aus Amsterdam. PANDEMONIUM hätten spielen sollen, wär' besser gewesen. Später tauchten noch 6 Amsterdamer Skins auf. Einer hatte ne Frau dabei. Scheiss Stimmung, total aggressiv. Irgendwas schaukelte sich hoch. Unsere 'Öne' und 'ne Punkerin aus Köln rollten kreischend durch den Laden. Sven haute die Skinhead-Olle um. Dann Ruhe. MDC fingen an zu spielen - furchtbares Gescheppere! Auf einmal wieder Randale. Sven prügelte sich mit dem Skin, dessen Olle er umgehauen hatte. MDC hörten auf zu spielen. Der Skin hatte jetzt ein Messer. Sven kriegte das Teil in den Arm. Totales Chaos. Irgendwie bekam's auch die 'Öne' ab. In den Bauch. Kann froh sein, dass sie da ein bischen mehr Speck hat. Gruse sprang den Skin mit dem besoffenen Mut eines Berserkers an. Irgendwie schaffte er es, die Glatze zu beruhigen. 'Öne' und Sven mussten zum Verbinden ins Krankenhaus. Dann tauchten auch die Bullen auf. Keiner wollte was sagen, keiner hatte was gesehen, also zogen sie wieder ab. Kurz danach nochmal MDC. Diesmal mit viel besserem Sound als vorher. MDC sahen total anders aus als ich gedacht habe. Nix Punk oder so. Kurze Haare und ganz "normale" Klamotten..."


Aus dem FALSCHMELDER-Punkzine Nr. 4: MDC

ALBERT ASTHMA aus Wuppertal: “Nach einer halben Stunde fangen MDC wieder an zu spielen. Sie sind einfach super! Bringen fast jeden Song zweimal, manche sogar dreimal, wie ‘John Wayne was a nazi’ und ‘Dead cops’. Der volle Pogo ist im Gange. Dave, der Sänger von MDC, verausgabt sich total. Und wer hat schon so einen schnellen Drummer gesehen? Der absolute Wahnsinn. Einer der besten Gigs, die ich je gesehen habe.”

 


Doppelseite aus FALSCHMELDER Nr. 5 / Diese Ausgabe war auf verschiedenfarbigen Papier gedruckt.



1983:DIE NACHT, ALS PETER VON DEN TEST TUBE BABIES
DAS  DÜSSELDORFER GRAUEN KENNENLERNTE
by G. Gruse
(Text und Fotos aus FALSCHMELDER Nr. 5 / 1984)


PETER von den TEST TUBE BABIES (mit Ratte) 1983 im Düsseldorfer “Ratinger Hof”

Wieder mal so ein langweiliger Konzertbericht, mag nun der unbefangene Leser denken! Aber grosser Irrtum, Freunde, denn mal abgesehen davon, dass die meisten von euch PETER & TEST TUBE BABIES sicherlich irgendwo auf ihrer Deutschland-Tour gesehen haben, mag ich mittlerweile auch gar keine Konzertberichte mehr schreiben. Irgendwie wiederholt man sich doch ständig. Diesen oder jenen hat man da getroffen. Soundsoviel Glas/Flaschen Bier hat man sich hinter die Binde gekippt. War also mehr oder weniger (ehr mehr) besoffen! Dieser oder jener hat eins auf's Maul bekommen ... na und so weiter. Nee, vergessen wir das Ganze! Das Konzert von P&TTB war gelaufen, und wie üblich fuhr man, zwei Roadies von P&TTB im Schlepptau, anschliessend noch in den 'Ratinger Hof'. Kurz nach dem die ersten Bockbierflaschen geöffnet waren, und ich einen neuen Film in die Kamera gefummelt hatte, schwankten auch PETER & TE TEST TUBE BABIES und der Rest unserer Kiefern-Crew in Düsseldorfs berüchtigten 'Hof'. Wärend sich die BABIES im 'Hof' verteilten, 'Greenback' an der Theke, beantwortete Sänger Peter ein paar Fragen zum deutschen Bier und deutschen Frauen.


“Greenback” von P&TTB.


Smalltalk mit Peter.

Posierte dann mit 'Flohs' Ratte, köpfte einige Pullen ‘Bockbier’, und sank nach einigen Zügen aus einem tütenhaften Gebilde total breit auf dem Boden zusammen. Das, werter Leser, war die Stunde von 'Speck-Susie': Mit wogenden Busen entfleuchte unser fettes Kieferngroupie mit dem besoffenen und zugekifften, also unzurechnungsfähigen Sänger ins nahe Bandhotel.


Peter erlebt seinen Düsseldorfer Blackout und Alptraum.

Ha, wahrscheinlich hat der Bedauernswerte gar nicht geschnallt, was da für eine grossgermanische Walküre zu ihm unter die Bettdecke gewalzt war. Seine Reaktion am nächsten Morgen war auch demensprechend. Folgendes berichtetete mir also einige vertrauenswürdige Informantinnen, die gleichfalls in den TEST TUBE-Betten genächtigt hatten: Peter wird wach, dreht sich um, sieht diesen fleischgewordenen Alptraum (von ca. 130 Kilo) neben sich im Bett liegen, stösst einen markerschütternden Schrei aus: 'OOOHH FUUUCK !!! NOOO !!!' - und verschwindet geschwind wie ein Wiesel im Badezimmer, wo er sich verständlichweise einschliesst, und erst wieder auf der Bildfläche erscheint, nachdem 'Speck-Susie' frustriert das Weite gesucht hatte. Das war mein Konzertbericht über PETER & THE TEST TUBE BABIES in Düsseldorf.

 


Collagen aus dem FALSCHMELDER Nr. 1 / Januar 1983

 

16.11.1984: Antikriegsfest in der “Zeche Karl”
oder
Kamikaze auf der Autobahn!
by G. Gruse
(Text aus FALSCHMELDER Nr. 7)

Da schickte mir der Specki aus Essen einen Haufen Flugblätter nach Düsseldorf, die sich unheimlich vielversprechend anhörten. Festival in der "Zeche Karl". Elf Gruppen für nur 5 Mark, mit RAZZIA, PANDEMONIUM, BLUTTAT, EXCESSIVE ROUGHNESS, PHALLUS, SOS, RAZZIA, PILZKÖPFE, ANAL und SCHWARZ ROTES BANNER. Also nix wie hin, war unsere einhellige Meinung.
Sechszehn Leute machten sich am 16. November per Bundesbahn und mit zwei Autos auf den Weg nach Essen zur "Zeche Karl". Wir, das heisst Maria, Louis, Henning, Delle und ich, hatten uns Mollies rollender Müllhalde (sprich Auto) anvertraut und erreichten ohne grössere Komplikationen Essen, eine der hässlichsten Städte des Ruhrgebiets. Genau so hässlich wie Essen war auch die "Zeche Karl", aber immerhin hatten schätzungsweise 4-500 Leute den Weg in dieses düstere Gemäuer gefunden.
Als wir ankamen, waren die anderen Düsseldorfer schon da. Gühli hockte mit dämlich zugekifften Grinsen auf einem Auto und raffte gar nix mehr, wärend Floh und Öhne hüftschwingend durch die Gegend torkelten. Na ja, wir also nix wie rein in die Halle und nach Bekannten Ausschau gehalten. An der Kasse und in der Halle irgendwelche beschissene, hohlköpfige, ätzende, zipfelbärtige Rocker als sogenannte Ordner...
Die erste Gruppe, die sich uns on stage präsentierte war die übertriebene Grobheit aus Essen, nee, EXCESSIVE ROUGHNESS nannten die sich, was aber auf's selbe rauskommt. Jedenfalls brachten die Leute gefälligen, nicht langweiligen Hardcore aussem Kohlenpott, kurz, ne Gruppe, die sich anzuhören lohnte. Danach stand dann BLUTTAT aus Mühlheim auf der Bühne! Eine Gruppe, die von vielen Punks bereits als Kultband gehandelt wird. Dann endlich PANDEMONIUM, meine Freunde aus Venlo (NL). Himmel, wer die drei holländischen Kids auf die Bühne krabbeln sieht, der denkt, das ist sicher irgendso'ne Schülerband. Aber wenn die drei loslegen, dann ist die Hardcore-Hölle los. Kaum jemand vermutet hinter den drei Winzlingen diese Power, diese Energie, aber sie bringen es voll. Hardcore made in Venlo!
Als danach 'ne kleine Umbaupause anstand, begab ich mich an die Theke zu den anderen Düsseldorfern. Gühli konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und Klaus ("Baluin Büxbier") rollte auch schon so sonderbar mit den Äugelchen. "Jau jau", meinte Henning ("Oigen Verhoigen"), unser Fahrer, zu mir, "ich hab mir die Birne zugeknallt, dann fährt's sich’s besser". Der Typ konnte kaum noch gerade stehen, so sehr hatte er es knallen lassen. Aber da er mich mal stockbesoffen von Aachen nach Düsseldorf gefahren, und heil vor der Haustüre abgesetzt hatte, dachte ich mir nix Böses, und vertraute auf das Glück dass Besoffene wie Henning im allgemeinen haben... Kurz nach dem Pause, wollten dann die anderen Düsseldorfer schon wieder zurückfahren. Da ich nicht mit dem Zug fahren wollte, musste ich mich wohl oder übel in unsere Müllkutsche zwängen. Floh und Nicky wurden noch schnell in den Kofferraum gequetscht, und dann ging es mit sieben Leute im Wagen ab in Richtung Düsseldorf.


Doppelseite aus FALSCHMELDER Nr. 7 / 1985

Wir erreichten die Autobahn (B1), und Henning gab Gas. Kurz hinter Essen geschah es! Plötzlich gab es einen höllischen Knall. Achsenbruch! Der Wagen brach nach rechts aus und raste in eine Baustelle. Wir knallten durch ein eisernes Absperrgitter, und pflügten scheppernd und krachend durchs Gelände. Irgendwelche Betonteile der Absperrung flogen durch die Gegend und knallten auf die Fahrbahn. 'Jetzt hat's uns erwischt', dachte ich voller Panik, duckte mich hinter den Fahrersitz und hielt mir instinktiv beide Arme vor's Gesicht. Aber trotz seines Zustandes schaffte es Henning, die Karre unter Kontrolle zu kriegen und zum stehen zu bringen. Ein letztes Krachen und wir standen mitten in der Baustelle. Hinter uns eine plattgewalzte Schneise. Mit zitternden Knien kletterten wir aus dem Trümmerhaufen. Wouuuw! Keine Verletzten, sogar unsere beiden Frauen im Kofferraum waren bis auf ein paar Beulen ziemlich unbeschädigt. Ich hatte mir ein bischen den Nacken verrenkt, na ja! Ich musste fast kotzen als ich sah, welch ein Schwein wir gehabt hatten. Wäre der Wagen nur ein wenig weiter nach rechts ausgebrochen, dann wären wir unweigerlich durch die Lücke der abmontierten Leitplanken gerauscht und eine extrem hohe und steile Böschung runtergebrettert.
Nach einigen Minuten allgemeiner Ratlosigkeit kamen wir auf die saublöde Idee, den Schrotthaufen einfach über die nächste Ausfahrt von der Autobahn zu schieben. Andere Wagen hatten inzwischen angehalten.
"Ey, Leute! Wir sehen zu, dass wir hier wegkommen", riefen Floh und Louis uns zu und krabbelten eiligst die steile Böschung runter. Irgendein Autofahrer keifte ihnen noch "He, sie da, hierbleiben, das ist Fahrerflucht!" hinterher.
"Leck mich am Arsch", brüllte Louis zurück, und jumpte in einen Busch, denn über die Autobahn kamen die Bullen angerauscht. Mit Blaulicht und Tröten!
'Teufel, die rücken gleich mit zwei Mannschaftswagen und in Kampfanzügen an', fuhr es mir durch den Kopf. 'Heissa, das kann ja wieder spassig werden'.
Wurde es dann auch!
"Herr Wachtmeister, da sind welche über die Böschung abgehauen", schleimte ein feister Autofahrer hämisch. Zwei Cops rutschten daraufhin die Böschung runter und spürten die Floh unter einem Busch auf.
"Ey, was woll'n se von mir?", hörte ich die Kowalewski (Floh) loskeifen. "Ich wohn' hier, ich bin nämlich 'ne Einsiedlerin!"
"Das können sie alles später auf der Wache erzählen", antworteten die Bullen und scheuchten Frau Kowalewski unsanft die Böschung hoch. Alles versammelte sich an dem plattfüssigen Schrotthaufen, der ehedem mal unser Auto gewesen war.
"Das gibt es doch gar nicht", wunderte sich ein Bulle, "da haben die doch mit sechs Leuten in dieser Karre gesessen!"
"Neee, mit sieben Leuten!" ertönte plötzlich eine laute Stimme aus der Dunkelheit und Louis kam lustig grinsend die Böschung hochgekrabbelt.
Wir wurden dann alle zurück nach Essen auf's Präsidium verfrachtet und erlebten dort das übliche Spiel. Blutproben. Anmacherei. Floh bekam einen Bullenstiefel in die Rippen. Henning und ich sassen von den anderen getrennt in einem kleinen Büro. Zunächst waren wir mit zwei Cops allein, mit denen konnte man noch einigermassen gut reden. Tja, und dann stiefelten noch vier andere Grüne in den Raum, und Hennig meinte zu mir, ich solle doch endlich mal mein Maul halten, weil wir nämlich sonst auf's Maul kiegen würden. Aber irgendwie war ich seit dem Unfall wie aufgedreht, mein Adrenalinspiegel so hochgepusht, dass ich immer mehr in Fahrt kam, und wie eine Dreckschleuder auf die Cops einquatschte. Bis ich merkte - ich hatte gerade einen der grünen Jungs aufgefordert, mich doch zusammenzuschlagen, wenn's ihm Spass machen würde, schliesslich wäre das nix neues für mich - dass es nun doch gesünder wäre, mein Maul zu halten. Zwei von den uniformierten Typen guckte nämlich inzwischen der blanke Hass aus den Augen.
Nach zwei Stunden durften wir uns dann alle verpissen und tigerten zu Fuss zum Essener Hauptbahnhof, wo wir noch jede Menge andere Konzertbesucher trafen, die auf den Zug in Richtung Heimat warteten. Und dann hatte ich ein kleines Problem - keine Fahrkarte! Der Schalter hatte zu, und der dämliche Fahrkartenautomat wollte meinen zerknitterten Geldschein nicht annehmen. Ein Bahnpolizist meinte daraufhin, das wäre kein Problem, ich könne auch im Zug bezahlen. Wir also rauf auf den Bahnsteig. Ich schappte mir den Schaffner: "Ich brauch' eine Fahrkarte nach Düsseldorf".
Der Schaffner: "Die müssen sie am Schalter kaufen".
Ich: "Der Schalter hat zu, der Automat nimmt meinen Schein nicht an."
Der Schaffner: "Dann müssen sie mit Kleingeld bezahlen, das nimmt der immer."
Ich: "Ich kann doch nicht immer einen Sack mit Kleingeld mit mir rumschleppen."
Der Schaffner: "Sie müssen passendes Geld bei sich haben, wenn sie um diese Zeit mit der Bundesbahn fahren wollen."
Hinter mir auf dem Bahnsteig hatten sich unterdessen immer mehr grinsende Konzertbesucher versammelt.
"Ich muss nur eines, und zwar von ihnen eine verdammte Fahrkarte bekommen!"
Der Schaffner: "Sie können eine Umlaufkarte..."
Und jetzt wurde ich leicht hysterisch. "Waaas? Ich will nicht nach Umlauf, nicht nach Moskau oder Washington, ich will ganz einfach nur nach Düüüssseeeldooorf, und zwar heute noch, kapiert?" blaffte ich ihn an.
Der Schaffner: "Werden sie nicht frech, da sie keine Karte haben, könnte ich von ihnen ein erhöhtes Beförderungs..."
Mir platzte der Kragen. "Nix können sie, ausser mir jetzt ne Fahrkarte verkaufen, und zwar für sechs Mark achtzig, das ist das einzige was sie jetzt können".
Der Schaffner: "Dazu bin ich nicht verpflichtet..."
"Herr Beamter der Deutschen Bundesbahn, angesichts ihres Verhaltens verwundert es mich nicht, dass die Bahn vor der Pleite steht. Ich möchte, nein, ich will jetzt sofort eine Fahrkarte haben."
Schliesslich rückte dieser hirnverbrannte Idiot unter viel Gebrabbel eine Fahrkarte raus. Ich warf ihm noch einige Wünsche an den sturen Beamtenschädel - und endlich fuhr der Zug los, zurück nach Düsseldorf.

 

Die Zeichnungen und Comicstrips von BIA BIAFRA (Peter S.) aus Düsseldorf, die zwischen 1983 - 1985 im FALSCHMELDER erschienen sind, waren das beste was die Fanzine-Szene der Achtziger Jahre zu bieten hatte.


Grafiken von BIA BIAFRA aus dem FALSCHMELDER-Punkzine Nr. 7 /1985


 Dieser dreiseitige Comic aus dem FALSCHMELDER Nr.6 ist in Originalgrösse auf der CHAOS-TAG 1984-Seite (Teil 2) zu finden.


Grafik von BIA BIAFRA aus dem FALSCHMELDER Nr. 4 / Februar 1984

 


Doppelseite aus FALSCHMELDER Nr. 5

“Die Zeit der Nachtigallen”
Shortstory (und Grafik) von BIA BIAFRA
(Aus FALSCHMELDER Nr. 5)

Mit schleppenden Schritten zogen die drei Gestalten durch die föhnende Nacht. Einer blieb stehen, lehnte sich frontwärts der Ecke zu und erbrach sich kotzend. Lachenderweise hätten seine Kumpane zweier sich um ihn scharen sollen. Jedwieweil doch sie blieben stumm und bewegten sich ihrer Wege. Übelig, aber erleichtert erreichte der dritte den zweiten und ersten. Weiter schlappten ihre Krähenfüsse über’s nasse, uraltige, ausgetretene Kopfstein, das pflastrige, die Köpfe auf der Brust, mit zerzausigtem Gefieder. Kein Lied aus einer der anliegenden Kaschemmen, gröhlig oder lockend, reizte zur Einkehr. Keiner schien kein Ziel beschieden. Aus ihren knopfigen Vogelaugen kam kein Funke des Lebendigten, kein Strahl der Liebe, keinerlei Sehnsucht, keine Lust, jedwede Gier nach Sympathie. Der windige Wind blies ihnen entgegen, pfiff über die Kanten ihrer Schnäbel, wühlte in den alten, öligen Federn, liess ihre Krallen frösteln.

Bei Marie kehrten sie ein. Marie kannte die drei komischen Vögel. Die soffen öfters hier. Die Enden der nassen Flügel klatschten auf den holzigen Tresen. Marie hatte Angst, der eine würde wieder kotzen. Der kotzte hier immer. Oder sie würden einem der Jungs ein Auge aushacken. Die Jungs machten immer Witze über die drei. Waren ja auch komische Vögel. Nicht komischlich, mehr skurilerdings. So sagte sie, das nichts mehr da war und für Vögel geschlossen. Vielleicht spielten die jetzt mit dem Gedanken, ihr eine Titte aufzuhacken. Sie erfuhr Angst. Doch die drei trollten sich und machten die Flatter. Sie schwankten auf die Strasse, Regen kam nass vom Himmel wo war schwarz und dunkel. Das Gefieder troff und sie zogen in Richtung auf den fernen, noch schwärzeren Wald.

 


Aus FALSCHMELDER Nr. 7 / Januar 1985

Angekündigt waren ASMODI BIZARR, CHIMCHIM CHEREE, EA 80, FREUNDE DER NACHT, FAMILY 5 und die berühmt berüchtigten MIMMIS - und somit für die sogenannte Düsseldorfer Szene das übliche schwarzgewandete Schickeria-Meeting. Da ich 0 Bock hatte wieder mal den ganzen Abend auf der Kiefernstrasse zu versauern und mir die dortige Syph-Szene reinzutun, überredete ich also einige Leute zu einen Abstecher ins OKIE DOKIE. Oh, holy fuck, das war ja wohl doch nicht das wahre! An der Abendkasse die erbauliche Nachricht, dass ASMODI BIZARR nicht spielen, geil, drinnen die Hiobsbotschaft, dass die MIMMIS erst gegen Mitternacht spielen würden. Scheisse! Das hat mir dann doch gereicht und ich schnappte mir Louis, und steuerte mit ihm die Theke an, die einiges an hochprozentigen-feuchten Vergnügungen in und hinter sich verbarg. Dort an der fröhlich vor sich hin sprudelnden Alkoholikerquelle einen kleinen freundschaftlichen Disput mit 'nem total abgefüllten Campino über den mehr als peinlichen Fernsehauftritt der HOSEN in “Bios Bahnhof” geführt. Oh, my Lord, wenn ich an die verkrampft blöden Witzchen des schwuchteligen Alfred Biolek denke, oder gar an den “Kriminal-Tango” der HOSEN mit Kurt Raab, dem tuntenhaften ehemaligen Bettgefährten des R. W. Fassbender, huuuuhhh, dann kommt mir noch heute die Kotze hoch. Oh, HOSEN, wie kann man sich nur so peinlich 'verkaufen' lassen! Nur Business - oder wat soll dat?


Aus FALSCHMELDER Nr. 7: Jost Schröder, Sänger vom CHIMCHIM CHEREE (Ex-LUZIBÄR)

Irgendwann fing dann irgendeine Band an zu spielen, na ja, war wahrscheinlich CHIMCHIM CEREE, denn auf der Bühne erkannte ich einen erfreulich abgespeckten Ex-LUZIBÄR, nämlich Jost. Ich schob mich also mal kurz nach vorne zur Bühne, zauberte einen freundlich interessierten Gesichtsausdruck auf mein Face, und machte schnell einige Fotos von Herrn Schröder, dessen Gesang mich genau so wenig aus den Doc's haute, wie einst bei LUZIBÄR. Als Jost dann noch “Too much too soon” in's Mikro ödete, überfiel mich ein panikartiger Lachanfall und ich flüchtete prustend zurück zur Theke, wo ich mich schleunigst hinter einem Pfeiler versteckte, um mein verzweifeltes Gekicher unter Kontrolle zu bringen. Na ja, als ich mich wieder einigermassen gefangen hatte zurück an die Theke. Ständig quatschen mich irgendwelche Leute an, die mich mit saublöden Bemerkungen nerven: “Ey, Gruse, dat gibs doch wohl nich, seit wann bist ausgerechnet du auf'm Skinhead-Trip - hä?”
“Oh, bin ich dat?” kommt meine freundliche Gegenfrage.
“Ja, aber...du siehst doch aus wie'n Glatzkopp”, erwiedert der etwas reichlich Verwirrte.
“Na, da kannste ma sehn, wie dat so geht im Leben”, antwortete meine bescheidene Persönlichkeit mit einem etwas nachsichtigen Grinsen. “Die Menschen ändern sich halt hin und wieder, und wie du siehst, bin ich immer noch für'ne Überraschung gut. Oi, Oi, mein Freund, und - trinkste noch ein Bier?'


Aus FALSCHMELDER Nr. 7: Bild links ein etwas angeschlagener CAMPINO

Sagen wir mal so, gelangweilt habe ich mich saumässig, aber nicht weil ich besoffen war, war ich nämlich nicht, und von dem Schickeria-Auftrieb auf der Bühne nix mitbekam, nee, mitnichten (und Tanten), sondern weil mich diese teilweise runtergequälte Musik einfach nicht anmachen konnte. Aber um mal ein paar positive Eindrücke zu bringen: Nicht alles an diesem Abend war scheisse. Das Bier war gut gekühlt, und der Kellner war auch immer da, wenn man ihn brauchte. Na ja, und EA 80 waren auch nicht so schlecht. Genug des Positiven, man soll schliesslich nix übertreiben. Ich fand's jedenfalls viel ergiebiger und unterhaltsamer mit Leuten rumzuquatschen, als meine zarten Öhrchen von irgend'ner unheilgeschwängerten Trauermusik malträtieren zu lassen. Schliesslich und endlich ging es auf Mitternacht zu und immer war noch nicht abzusehen, wann nun endlich die MIMMIS ein wenig Spass und Power in die lahme Bude bringen würden, so dass sich mein glatzköpfiges Ich plus bunthaariger Anhang in den Düsseldorfer RATINGER HOF absetzte. Fazit des Abends: Winnes von der TÖDLICHEN TAFELRUNDE getroffen! Ansonsten: Ausser Spesen nix gewesen.

 

GREASE MONKEYS und FREAKY EXECUTIVES
am 3. Oktober 1984 im “Berkley Square”
Berkley, Californien (USA)
(Text und Grafiken aus dem FALSCHMELDER Nr. 7 / Januar 1985)

Allein hätte ich mich in diesen Schuppen nie reingetraut. Vorbeigegangen waren wir einen Tag vorher, mit Scheisse in der Hose, als wir eine grössere Gruppe von Farbigen passieren mussten. Dieser Distrikt südlich der ‘San Pablo Avenue’ gilt in Berkley als verdammt gefährliche Gegend. Hier ist ‘gangland’! Die falsche Jacke, die falsche Color kann dir das Leben kosten. ‘Take car’, wenn dir dein Leben lieb ist, sagt jeder. Trotzdem habe ich mich in dieser Gegend irgendwie vertraut gefühlt. Industriebrachen, Trümmergrundstücke, Ruinen, ausgebrannte Autowracks... Fast so, wie bei uns auf der Kiefernstrasse in Düsseldorf. Nur viel derber! Chicanos, Schwarze, ‘white working slavers’ (weisse Arbeitssklaven) leben in den umliegenden Strassen. Monatelang hatte ich mich auf den USA-Trip gefreut, aber kaum in Berkley angekommen, fühlte ich mich wie in einem beschissenen Kriegsgebiet. Hab’ gleich am ersten Abend erlebt, dass weisse Cops mit ihren langen Flinten in eine Auseinandersetzung von Schwarzen eingegriffen haben, und mich schleunigst verpisst. Angst und Vorsicht haben mich auf Schritt und Tritt begleitet. ‘Fuck the Store’, bekommst du zu hören, wenn du als Weisser mit einer Einkaufstüte in der Hand durch diese schwarzen Wohngebiete nach Hause gehst.


Seiten aus dem FALSCHMELDER Nr. 7 / Januar 1985

'Flip' wollte unbedingt FREAKY EXECUTIVES sehen, er kannte sie vom Anti Reagan-Festival. 3 Dollar kostete der Spass an Entritt. Schlappe 9 Mark, was für amerikanische Verhältnisse ziemlich wenig ist. Für mich sind deren Preise allerdings meist unbegreiflich. Für Lebensmittel, Klamotten, aber auch Tapes oder Platten legst du verdammt viel Geld hin. GREASE MONKEYS heisst die Vorgruppe, imitiert irgendwelches Rockabillyzeugs und spielen zwei gute Bluesstücke. Musikalisch perfekt, aber kein eigener Stil. Die drei Jungs sind noch ziemlich jung und sehen ehr aus wie geschniegelte 'New Waver'. Das Publikum, viele Schwarze, einige Punks, ein paar Skins, tanzt und zieht sich zwischendurch Bier, fette Joints und Videos rein. In den Pausen Funkymusik, nicht schlecht. Nach der Pause, gegen Mitternacht, geht's dann höllisch ab. FREAKY EXECUTIVES. Die acht Typen auf der Bühne bilden eine interessante, hochexplosive Mischung, die sofort mitreisst. Das Publikum hat etwas gewechselt, jetzt mehr Schwarze und Glatzen als vorher. Auf der Bühne drei Weisse, drei Schwarze und zwei Chicanos. Die gehen ab wie die Feuerwehr, erinnern mich in der Musik und beim Drive an BAD BRAINS, die ich vor einigen Monaten im Kölner 'Stollwerk' gesehen habe. Zwei Orgeln, ein Saxofon, drei Gitarren, Schlagzeug, Percussion und eine Stimme. Die Musik ist angepunkt, oft Punk in harter Form, und durch den Rasta-Bassmann lassen sich hier und da Reagae- und SKA-Rythmen raushören. Ich kann unmöglich stillstehen. Bei zwei Stücken, die vom Sänger und Schlagzeuger, beide Chicanos, dominiert werden, ist der latino/mexikanische Einfluss unüberhörbar. Umhauen tut's mich, als sie den Sänger von GREASE MONKEYS auf die Bühne holen und einen RAP zum Besten geben, da würden Grossmaster Flash und seinem Sohn Prince garantiert die Ohren wegfliegen. Sieben Minuten dauert die Session und ich bin patschnass. Ein zweiter RAP wird getragen von der Percussion, so was geiles habe ich noch nie gehört. Auf der Bühne wird getanzt, Farbige und Glatzen aus dem Publikum. Nur Scheisse dass ich die Texte nicht verstehen kann. Wie soll man auch mit seinem Schulenglisch diesen Szene-Slang verstehen? Zwei Zugaben müssen FREAKY EXECUTIVES noch geben, dann ist die Luft raus. Der Sänger ist total fertig, liegt ausgepumpt auf der Bühne. Kurz nachdem wir den Laden verlassen haben, kommt es draussen vor der Tür zu einer Schiesserei zwischen Drogendealern.

 


Seiten aus dem FALSCHMELDER Nr. 7 / Januar 1985

 


Grafiken, Lyrik und Collagen aus dem FALSCHMELDER Nr. 2 / 1983

 



Interview mit THE MOB aus dem FALSCHMELDER-Punkzine Nr. 4 / Februar 1984

 


Oben und unten: FALSCHMELDER-Punkzine Nr. 4 / Februar 1984

 

 

 

Eigendlich sollte diese Story über die SEX PISTOLS schon 1985 im FALSCHMELDER Nr. 8 erscheinen, aber da diese Ausgabe nie gedruckt wurde, landete diese Story in meinem Textarchiv.


(Erster Teil)
by
G. Gruse

Eine der bekanntesten britischen Punkbands der ersten Stunde waren die SEX PISTOLS. Für viele Punks noch heute der Urknall der Punkbewegung! In Wahrheit war diese Band das schrille Markeetingprodukt eines zweitklassigen Band-Managers. Die kurzlebige Geschichte dieser legendären Band begann im Spätsommer des Jahres 1975 in einem kleinen Eckladen für abgefahrene SM-, Gummi- und Lederklamotten auf der Londoner King’s Road. Der Laden hatte den sinnigen Namen „Sex“ und gehörte Malcom McLaren, dem Manager der amerikanischen Glam-Rockband NEW YORK DOLLS. Die Glamrocker um Johnny Thunder standen wegen ihrer Drogenexzesse vor dem Ende, als McLaren, sein leeres Bankkonto vor Augen, zu der Erkenntnis kam, dass eine neue Band her müsse. Eine Band, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellen sollte. Nicht so arschgefickte Milchbubies wie die BAY CITY ROLLERS, die gerade die europäischen Charts stürmten, sondern eine Band, die schon durch ihr Erscheinungsbild Ekel und Hass in die Herzen des britischen Establishment pflanzen würde. Und McLaren hatte eine Vision! Andere behaupten ja, er habe sich zuvor eine fette Line Koks reingezogen. Was eine logische Erklärung für seine Vision gewesen wäre. Wie dem auch sei, vor seinem inneren Auge erschien eine subversive, ultrahässliche, pöbelnde, saufende und Drogen einpfeifende Band, bei deren Anblick jeder normale Mensch sofort auf die andere Strassenseite wechseln würde. Das ist es, dachte sich Malcom McLaren, eine Punkband muss her! Auch wenn die britische Öffentlichkeit Punk aus ganzen Herzen hasste. Aber die gleiche Öffentlichkeit hatte einst auch in den STONES und BEATLES das Ende der Zivilisation gesehen! Unter diese optische und musikalische Provokation noch ein paar Skandale gemischt, und die Schlagzeilen der Londoner Boulevard-Presse wären ihm sicher. Und Schlagzeilen in der SUN oder DAILY MAIL würden ihm die Türen der grossen Musikmags wie dem MELODY MAKER oder SOUNDS öffnen, und eines nicht allzufernen Tages auch die Türen (und Kassen) der grossen Plattenfirmen. Also machte sich Malcom ans Werk. Er kreierte eine Punkband! Das heißt, er suchte sich ein paar schräge Typen zusammen, die wenig Erfahrungen mit Musik, aber reichlich mit Drogen und Alkohol hatten, versorgte sie mit geklauten Instrumenten, und taufte seine Schöpfung in SEX PISTOLS. Kopf und Sänger der Band wurde ein gewisser John Lydon aus Finsbury Park, ein Gelegenheitsmusiker mit abgebrochenen Kunststudium. Glen Matlock, der Bassist der PISTOLS, hatte Malcom auf Lydon aufmerksam gemacht. Da würde sich seit Tagen ein durchgeknallter Typ in den dunklen Ecken des „Sex“ rumdrücken, auf den müsse er mal ein Auge werfen. Und wie der Zufall es wollte, ging in diesem Moment die Türe auf und ein schlacksiger Typ mit grün gefärbten Haaren schlurfte in den Laden: John Lydon! Er trug ein zerfetztes PINK FLOYD-Shirt, auf dem das Logo mit einem blutroten „I HATE“ überkritzelt war. Auf Malcom wirkte dieser Lydon ziemlich verrottet. „Als Mutter Natur das gute Aussehen verteilt hatte“, sollte ein britischer Rockjournalist schreiben, „stand John Lydon wohl am Ende der Schlange, und als er endlich an die Reihe kam, war nichts mehr übrig als fettige rote Haare, kranke Augen und eine Rückgradverkrümmung.“ Aus Malcom Sicht waren das keine Fakten, die gegen John Lydon sprachen. Im Gegenteil! „Johnny Rotten“, der Sänger der SEX PISTOLS, war geboren. Neben Glen Matlock, auch nicht gerade ein Meister seines Instruments, war da noch der Gitarrist Steve Jones, der ständig die Hälfte seiner Akkorde verpennte. Am Schlagzeug trommelte Paul Cook. Nach ein paar Proben und halböffentlichen Auftritten in Malcoms sadomasochistischen Warenlager hatte sich die Band ein paar Dutzend Fans zusammengespielt, so dass sich Malcoms Gesamtkunstwerk im November 1975 zum ersten Mal unter dem Namen SEX PISTOLS in die Öffentlichkeit eines Londoner Pubs wagte. Schon beim ersten Song flogen der Band so viele Biergläser um die Ohren, dass das Konzert nach dem zweiten Song im Tumult endete und abgebrochen werden musste. Das alles konnte Malcom und seine Jungs nicht entmutigen. Nach weiteren kleinen, mehr oder weniger gelungenen „Feldversuchen“ standen die PISTOLS im Februar 1976 erstmals auf der Bühne des Londoner „Marquee“ - und bekamen auch promt Lokalverbot, weil sie zwei nackte Groupie auf der Bühne tanzen liessen. Im prüden England war das natürlich ein Skandal. Dieser „Skandal“ führte dazu, dass am 20. Februar die PISTOLS zum erstenmal in einer Londoner Tageszeitung, dem EVENING STANDART erwähnt wurden. Diese Story brachte den PISTOLS einige Konzerte als Vorgruppe der HOT RODS ein. Beim ersten Gig wurden sie jedoch so gnadenlos ausgepfiffen, dass ein angedröhnter PISTOLS-Fan die Bühne enterte, seinen Schwanz aus der Hose holte, und im hohen Bogen dem gröhlenden Publikum auf die Köpfe pisste. Piss off! Worauf den PISTOLS die Flaschen und Biergläser des angepissten Publikums um die Ohren flogen und sie noch am gleichen Abend von den nicht minder angepissten HOT RODS gefeuert wurden. Was die STRANGLERS nicht daran hindern sollte, die PISTOLS als Vorgruppe für ein Konzert am 16 März im Londoner „Nashville“ zu engagieren. Eine Woche später folgte ein Auftritt als Vorgruppe der PLUMMET AIRLINES im legendären Londoner „100 Club“, wo die PISTOLS in Zukunft noch öfters spielen sollten. Einige Tage später stand Malcoms Chaotentruppe zum ersten Mal im “Nashville” als Hauptact auf der Bühne. Aus diesem Anlass hatte Malcom ein paar Pfund locker gemacht und das Konzert auf Flyer ankündigen lassen: „Party with the Sex Pistols!“ Eine Investition, die sich bezahlt machen sollte. Der Laden war rappelvoll, und im MELODY MAKER erschien ein kleiner Konzertbericht. „Anarchy“ war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschrieben, Sid Vicious noch nicht dabei, aber die PISTOLS spielten bereits Stücke wie „Problems“ und „Pretty Vacant“. Der Kreis ihrer Fans, anfangs ein winziges Häufchen von rülpsenden, rotzenden und nicht gerade vertrauenserweckenden Underdogs aus den Londoner Vorstädten, wurde immer grösser. Zu diesen Zeit bestand das Outfit der Punx noch nicht aus martialischen Leder-, Ketten- oder Nieten-Assesoires. Statt dessen pflegte man einen Modestil, der irgendwo zwischen Altkleidersammlung und Mülltonne angesiedelt war. Badewannenstöpsel als Ohrhänger, Hundeleine als Halsband, und zum zerlöcherten Hakenkreuz-Shirt eine Krawatte - so what? Der Fantasie und dem schlechten Geschmack waren keine Grenzen gesetzt. Statt Nieten an der coolen Lederjacke trug der Punk der ersten Stunde Sicherheitsnadeln am zerfetzten Anzugsjacket. Wobei man sagen muss, dass sich die SEX PISTOLS bis dahin recht zahm gegeben hatten. Sehr zum Unwillen von Malcom McLaren. Johnny Rottens verwerflichste Tat war es, auf der Bühne in der Nase zu bohren oder mal ins Publikum zu rotzen. Bis zum 4. April 1976. An diesem Abend sollten die SEX PISTOLS im „El Paradise“-Club spielen. Für die PISTOLS wurde es der bis dahin bedeutenste Gig. Bereits Stunden vor dem Konzert hatte sich eine so grosse Menschenmenge vor dem „El Paradise“ eingefunden, dass die Polizei gezwungen war, den Verkehr umzuleiten. So einen Tumult hatte London schon lange nicht mehr erlebt, schon garnicht bei einer Newcomer-Band wie den SEX PISTOLS. Um die Stimmung wärend des Konzerts ein wenig anzuheizen, hatte Malcom ein paar Punks angeheuert, die eine kleine Schlägerei im Publikum anzetteln sollten. Hatten sich doch ein paar Journalisten vom SOUNDS und MELODY MAKER angesagt, und denen mußte Malcom schon eine besondere Show bieten, wenn er es mit seiner Band auf die Titelseiten dieser Musikmagazine schaffen wollte. Aber Malcom hätte sich diese Investition sparen können. Nach dem ersten Song zertrümmerte Johnny Rotten das Stativ seines Mikrofons und feuerte die Trümmer ins tobende Publikum.

(Fortsetzung folgt)