DIE VORGESCHICHTE EINER STRASSENSCHLACHT

20.07.1981: Im Kino in Wuppertal-Vohwinkel läuft ein Film über die SEX PISTOLS. Es gehen fünf Kinositze zu Bruch, worauf der brutalste Polizeieinsatz gegen Punks seit langem geführt wird. Der Ausnahmezustand wird verhängt, und ca. 30 Punx werden verhaftet.

13.02.1982: Das erste Brunnentreffen von Punks, Skins und Psychos findet am Elberfelder Brunnen statt. Es läuft eine Spazierdemo durch den Kaufhof und diverse Srühaktionen. Einige Punx und Skins werden verhaftet.

03.03.1982: Ministerpräsident Rau versucht in der “Börse” den Dialog mit der Jugend. Es kommt zu tumultartigen Szenen. Punks und Skins hindern den Ministerpräsidenten am Reden und verlangen ultimativ die Aufhebung des Innenstadtverbotes. Ein entnervter Rau verlässt schliesslich fluchtartig die “Börse” - durch einen Nebeneingang!

06.03.1982: Beim II. Brunnentreff werden dreizehn Punks und Skins verhaftet.

03.04.1982: Beim III. Brunnentreffen werden zehn Leute verhaftet. Zum ersten Mal sind auch Punks und Skins aus anderen Städten angereist.

15.04.1982: Ministerpräsident Rau gelingt es vor dem Rathaus in Wuppertal-Barmen nicht, mit den Punx ins Gespräch zu kommen. Er wird gnadenlos niedergebrüllt.

01.05.1982: Punk-Festival in der “Börse”. 500 Punks (und Skins) sind aus anderen Städten angereist. Die Polizei belagert die “Börse” und Innenstadt. Es wird niemand festgenommen.

0.8.05.1982: Vierter Brunnentreff. Als Punx den SPD-Parteitag besuchen wollen, werden 60 von ihnen festgenommen.

05.06.1983: Fünfter Brunnentreff. Erstmals wurde auf Grund der Massenvarhaftung wärend des SPD-Parteitages auf breiter Basis zum Treffen mobilisiert. Es findet der seit Jahren grösste Polizeiensatz in Wuppertal statt. Über 100 Punks und Skins werden festgenommen. Vier Punx werden bei der Strassenschlacht mit der Polizei schwer verletzt.

 

by G. Gruse
(aus dem FALSCHMELDER-Punkzine Nr.1 / Januar 1983)

Die monatlichen Brunnentreffen an den verkaufsoffenen Samstagen in der City von Wuppertal-Elberfeld (April - August 1982) bedeuteten viel Streß, Chaos, Bullenterror,- aber auch jede Menge Fun! Jeder von uns kannte fast jeden und die Leute, die neu in der Szene waren und niemanden kannten, die gehörten von Anfang an dazu. Punks hockten neben Popper, dazwischen die Kollegen der kahlgeschorenen Fraktion, mit Gruftis saufende Skinheads. Penner soliarisierten sich mit Hippies, Teds und dem Rest der Welt,- und die Bier- und Weinflaschen gingen von Hand zu Hand. Wärend das ganze chaotische Schauspiel vom „braven Steuerzahler“ belustigt, verstört oder fassungslos beäugt wurde.


Auch Skinheads gehörten zu den Besuchern der Wuppertaler “Brunnentreffen”

Den Anlass für die Strassenschlacht am Kröpke lieferte der 8. Mai 1982. An diesem Wochende tagte in Wuppertal der SPD-Bezirksparteitag! Da ich ahnte, daß sich an diesem Tag besonders viele Bullen in der Stadt aufhalten würden, hatte ich meine Punk-Klamotten mit einem langen Mantel getarnt und die bunten Haare umgefärbt. Machte also - oberflächlich gesehen - einen ganz “normalen” Eindruck! Da am Nachmittag der Rau auf dem SPD-Meeting sprechen sollte, kamen einige Leute auf die Idee, unserem Ministerpräsidenten einen kleinen Besuch abzustatten, um mit ihm über Stadtverbote und punkerfreie Einkaufszonen zu reden. Wir zogen also frohgemut in Richtung Stadthalle, um dort den Dialog mit der Politik zu suchen. Nur,- wir kamen nicht sehr weit. Ungefähr 200 Meter vor der Halle brachen auf einmal von allen Seiten jede Menge grüne Kampfanzüge aus den Büschen und kreisten uns ein. Einige Punks versuchten zwar den Bullenkessel zu durchbrechen, aber gegen diese Übermacht hatten sie keine Chance; ziemlich unsanft wurden alle wieder in den Kreis zurückgetrieben. Und da standen wir nun wie eine Herde dämlicher Schafe, die auf ihre Schur warten, skandierten so freundliche Bemerkungen wie “Bullenschweine”  oder „Haut die Bullen platt wie Stullen!“ - und harrten der Dinge die irgendwann auf uns zu kommen sollten.

Wir brauchten nicht lange warten! Angeführt vom Dienstwagen des Einsatzleiters kamen mit flackerndem Blaulicht ein paar vergitterte Bullenwannen die Straße herunter gerauscht. Der Einsatzleiter, cool, lässig, mit Bügelfalte und blanken Schuhen, höherer Dienstgrad, schnappt sich ein Megaphon.
Erwartungsvolle Stille bei den Punx...
“Meine Damen und Herren...”
Brüllendes Gelächter bei den Punx...
“Meine Damen und Herren...", ließ sich der smarte Oberbulle nicht beirren: “Da wir ihre Personalien überprüfen wollen, müssen wir sie leider ins Präsidium bitten. Ihr Widerstand würde die ganze Sache nur unnötig komplizieren.”

Irgendwie ging es mir an diesem Tag ganz gehörig gegen den Strich, mich mal wieder festnehmen zu lassen. Entweder es klappt - oder du bekommst einen kräftigen Tritt in den Arsch und wirst als erster abtransportiert, dachte ich mir und tigerte mit wütendem Gesichtsausdruck zum Einsatzleiter: “Hören sie mal, ich bin Delegierter der Jungsozialisten und werde auf dem Parteitag erwartet. Sie können mich hier nicht festhalten, nur weil ich mit diesen Leuten über ihre Anliegen diskutieren wollte.” Ehrlich,- ich hatte gerechnet, daß mich der Bulle nur blöde angrinst und abführen läßt, aber nichts geschah. Er winkte statt dessen einen der Uniformierten heran und sagte zu ihm: “Der Herr darf passieren,- der gehört zum Parteitag.” Keine Personalienkontrolle - nichts! Völlig unbehelligt konnte ich mich kurz vor der Stadthalle in die Büsche verdrücken.

Beim nächsten Brunnentreffen (5. Juni 1982) ging es dann ganz erbärmlich zur Sache! Auf Grund der Massenverhaftungen wärend des SPD-Spektakels hatten wir durch Flugblätter und bundesweite Anzeigen in der TAZ zu einer Demonstration gegen “Polizeiterror” und das Innenstadtverbot für Punks und Skins aufgerufen. Und die Leute kamen; sie kamen aus Köln, Bielefeld, Münster, Hannover, Wiesbaden, Duisburg, Dortmund, der ganze “Abschaum” unserer Republik schien sich an diesem Tag in der Stadt an der Wupper versammelt zu haben. Sogar einige “kampferprobte” Streetfighter aus der Berliner Hausbesetzerszene waren angereist.


Noch war alles friedlich. Im Hintergrund (von links nach rechts): Gruse, Imperator und Henning beim small-talk mit freundlich lässigen Bullen

Als unser Düsseldorfer Mob gegen Mittag in Wuppertal auflief, da sah noch alles nach einer friedlichen open-air-party aus. Sogar der Brunnen schäumte - aber nicht vor Freude über die vielen Menschen, die sich in ihm und um ihn herum tummelten, sondern weil irgend ein liebenswerter Zeitgenosse einige Liter Spülmittel ins Wasser gekippt hatte, und die Jauche nun auf Teufel komm raus vor sich hin schäumte. Jede Menge Bullen waren zu sehen, die mit freundlich mildem Gesichtsausdruck leutselig, inmitten der bunten Masse Mensch herumspazierten; hier mal ein kleines Witzchen reißend, dort mal ein kumpelhaftes Schlückchen aus der Pulle eines Punx nehmend.
Oben auf dem Dach von Karstadt, wie auf einem Feldherrnhügel vor Stalingrad, hockten die mit Funk, Ferngläser und Kameras ausgerüsteten Einsatzleiter der Polizei, die von dort ihre Greiftrupps dirigieren wollten. Da durften die Ehrengäste aus dem Rathaus natürlich nicht fehlen: Aber der Bürgermeister und die Stadtverordneten hatten sich vorsichtshalber zu den Bullen auf das Dach verpisst, wärend auf dem Platz die Pressehaie wie geile Aasgeier durch die Menge schleimten, und hier mal einen besonders bunten Iro und dort eine besonders geile Jackenaufschrift filmten. Und mitten in diesem herrlich bunten Chaos bewegte sich der deutsche Durchschnittsbürger, Herr und Frau Mustermann, mit Tüten und Taschen bepackt wie ein hinterhindustanischer Lastenträger auf dem Weg zum Arsch der Welt!
“Beim Adolf hät es so wat nich jejeben!" hechelte auf einmal ein kleines, von unzähligen Falten zerknittertes Männchen los. “Innen Arbeitslager jehört ihr alle, jawohl...Arrrrrbeitslager!”
“Das können sie aber nicht sagen”, mischte sich nun eine ältere Frau unter den Pulk heftig diskutierender Passanten.
“Wat jeht sie dat an?“ giftete Old Schrumpelkopf boshaft. “Beim Adolf jab es noch Zucht und Ordnung, da wurd mit sowat kurzen Prozess jemacht!”
“Sie reden Mist”, fauchte die Frau plötzlich resolut. “Da sind mir diese Leute lieber als so ein Nazi wie sie!”
“Ich bin ne anständije Bürjer un brauch misch so jet nich jefalle zu lassn", brabbelt Schrumpelkopf vorsichtig zurückweichend.
“Ick glob ick spinne!” tobte nun ein Berliner Punk los. “Roll da ab, du verficktes Arschgesicht, sonst mach ick da Beene!” Holte aus und knallte Old Schrumpelkopf seine Bierflasche vor die Latschen, so daß der selbe vor Schreck fast aus den selben gekippt wär.
“Ich laß dich verhaften!” kreischt Schrumpelkopf und wieselte auf eine Gruppe Bullen zu, die einige Meter weiter unternehmungslustig ihre Lederhandschuhe gegen ihre strammen Oberschenkel klatschten. Na ja, zum Müll wegräumen benötigt ein deutscher Bulle Handschuhe,- er könnte sich ja sonst die Fingerchen schmutzig machen!

Irgendwann wurde die ganze Sache ziemlich langweilig - no action; nur rumzusitzen und sich die Birne zusaufen, das bringt nicht viel, dachte ich mir. Aber schließlich kam dann doch etwas Bewegung in die Menge. Irgend jemand hatte im Brunnen, inmitten dieser herrlich vor sich hin schäumenden Jauche, an einem Besenstiel die blaue Nato-Fahne gehisst - und angezündet. Sofort kam eine Gruppe SEK-Bullen angerannt, jumpten mit ihren blank geputzen Kampfstiefeln in die schäumende Brühe, und retteten...nee, nicht die Fahne, die war längst abgefackelt, sondern den Besenstiel. Das angekokelte Teil wurde ordnungsgemäss sichergestellt und in eine Bullenwanne verbracht. Es muß doch schließlich alles seine Ordnung haben - oder besser gesagt, auch ein Bulle braucht hin und wieder mal ein Fußbad!
Plötzlich kam die fette Floh angehechelt. Grün-rote Haare und kohlrabenschwarze nackte Füsse; die zwei Zentner Körpergewicht in einen schwarzen, mit roten Rüschchen besetzten Unterrock gehüllt. “Ey, die Schweine von McDonalds lassen keinen mehr auf die Scheisshäuser.”
Angeführt vom Wochenend-Anarcho Kantenschädel ("Da helfen nur Bomben, Bomben und nochmals Bomben!"), der in der Erwartung irgendwelcher Gasangriffe durch die Bullen mit einem Sack Zitronen unterwegs war, rannten einige Leute los und pissten bei McDonalds vor und auf die Theke.
Na ja, auch ein Punk muß hin und wieder mal austreten!
Also Leute, wir fangen jetzt mit der Demo an”, plärrte plötzlich eine megaphonverzerrte Stimme durch die Menge. “Alle mit Helm in die erste Reihe!
Und dann ging die Post ab: Die Bullen kamen im Schweinsgalopp aus den Seitenstraßen und bildeten vor uns eine dichte Kette, sperrten die Fußgängerzone, die zum Kerstenplatz, dem Ziel unserer Demo führte.
Wir näherten uns zögernd der Bullenkette! Die Typen tragen keinen Helm und haben keine Knüppel, fuhr es mir durch den Kopf. Einige Schritte vor der Bullenkette wurden die Leute vor uns langsamer,- unsicher,- zögerten.
"Durch! Einfach überrennen!" brüllte plötzlich die Megaphon-Stimme.
Und als ob alles nur auf dieses Zeichen gewartet hätte, rannte der Mob brüllend los und, womit niemand von uns gerechnet hatte, die Bullen verpissten sich fluchtartig in die Seitenstrassen. Einige hatten sich bei ihrer überstürzten Flucht sogar auf die Schnautze gelegt oder wurden einfach umgerannt.

Nach diesem kleinen Zwischenspiel schlängelte sich der bunte Demonstrationszug unter lautem Getöse ungehindert durch die Elberfelder Fussgängerzone: “Polizei-SA-SS! Deutsche Polizisten: Mörder und Faschisten!” Verstörte Bürger blieben am Strassenrand stehen. Einige Punx plünderten unterdessen die Auslage eines Gemüseladens, wärend andere mit den städtischen Abfallkörben eine Runde Fußball spielten. Die dickwanstigen Kuchenfresser auf der Terrasse vor dem Cafe Labbert vergaßen die Sahnetorte vor sich auf dem Teller und verzogen sich lieber in das Innere des Cafes.


Chaos in der Fussgängerzone. Die Lage eskaliert.


Uniformierte wurden von Demonstranten eingekesselt, um Festgenommene zu befreien.

Am Ende der Fußgängerzone hatte sich unterdessen die zweite Polizeikette formiert. In zwei Reihen standen sie da und erwarteten uns. Trotzdem rannte alles wieder los. Aber diesmal konnten wir die Grünen nicht so einfach überrennen. Einer der Bullen zerrte mich an meiner Jacke zu Boden und versetzte mir einen deftigen Tritt in den Rücken. Ein Punk half mir wiederauf die Beine. Ich stolperte wie benommen weiter.

Zwei Bullen versuchten einen Punk (Sven B. aus Köln-Portz) zum Festnahmewagen zu schleifen. Der Typ wehrte sich mit Händen und Füßen, andere befreiten ihn und schlugen die Uniformierten in die Flucht.

Ein junger Polizist, höchstens zwanzig Jahre, lehnte an einer Hauswand, heulte und rotzte Blut. Einige Meter weiter: Ein Bulle schlug wie von Sinnen mit Handschellen auf meinen Freund Crazy ein, dem bereits das Blut über's Gesicht lief. In diesem Moment kam Molli wie ein wilder Stier angerannt und sprang dem uniformierten Schläger mit beiden Beinen ins Kreuz. Der Typ klatschte der länge nach auf die Nase und geriet anschliessend unter die Springerstiefel einiger Berliner Hardcore-Punx.


Die Polizeiketten konnten dem Druck der Demonstranten nicht standhalten. Von links nach rechts: Guido, Henning und Gühli (mit Iro).

Und dann waren wir durch,- wir hatten den Kerstenplatz erreicht! Ein paar Leute bluteten zwar aus Mund und Nase, andere humpelten, aber irgendwie waren wir alle gut drauf. Es herrschte ‘ne geradezu ausgelassene, fast schon euphorische Stimmung: Wir hatten den Bullen eine Schlappe verpasst, und nur das war in diesem Moment für uns wichtig! Was dann folgten waren heftige Diskussionen mit Passanten über Gewalt-, Gegengewalt und Notwehr. Wir versuchten den Menschen klarzumachen, warum wir uns wehren mussten. Erklärten ihnen, daß die Stadtverwaltung auf Druck der ortsansässigen Geschäftsmaffia die Innenstadt für Punx, Skins und andere „asoziale Randgruppen“ zum Sperrbezirk erklärt hatte. Einige konnten uns verstehen, viele andere wandten sich jedoch verständnislos ab.

Irgendwann wurde unter dem johlenden Beifall der Punx eine lebensgroße Stoffpuppe, die wohl einen Bullen darstellen sollte, von irgendeinem Schwachmarten angezündet und über den Platz gezerrt. Eine idiotische und unnötige Provokation. Danach dauert es auch nicht mehr lange und von allen Seiten marschierten wieder Uniformierten auf,- zum Teil nun mit Helm, Knüppel und Köter. Trotzdem schien sich die Situation langsam zu entspannen. Einige Punx flachsen schon wieder mit den Grünen, wärend andere zu den Klängen einer „christliche Meditationsgruppe“, die eigendlich „Jesuslieder“ singen wollten, Pogo tanzen.

Als die Jesusfreaks einige Punx an ihre Instrumente lassen wollten, schlugen plötzlich die Bullen zu. Ein Teil von ihnen, besonders die in Zivil, die sich unter die Menge gemischt hatten, entwickelten eine unheimliche Brutalität. Anscheinend wollten uns die Typen ihre Niederlage heimzahlen. Punx wurden willkürlich aus der Menge herausgegriffen und in einen großen Fesnahmewagen geprügelt. „Zurück zum Bahnhof, alles in Richtung Brunnen“, kreischte jemand durch das Mikrophon der Jesusfreaks. Verängstigte Punx drängten sich in Geschäftseingängen zusammen, suchten Schutz vor Bullen, die nun mit Handschellen und Knebelketten rücksichtlos auf alles einprügelten, was bunte Haare oder ne Glatze hatte. In dem allgemeinen Durcheinander wurden die Verkaufstische von Straßenhändlern umgerannt. Ein Zeitungskioak ging zu Bruch. Irgendwo klirrten Scheiben. Überall Bullen, Punx, Spontis, Autonome, unbeteiligte Passanten; ein höllisch gefährliches Durcheinander von aufeinander losprügelnden Menschen. Es war das totale Chaos.

Eine winzige Punkfrau (Mikrobe) ging mit einem Cafehausstuhl auf einen riesigen Bullen los, knallte dem Typ das Ding vor die Birne, wurde von anderen Grünen überwältigt und weggeschleppt. Ein Bulle baute sich mit panisch flackernden Blicken vor mir auf: “Was soll der ganze Scheiß?“ brüllte er mich erregt an und rannte weiter, denn eine Gruppe von Punx versuchte nun mit Latten, leeren Bierflaschen und Stühlen den Festnahmewagen zu stürmen. Dabei wurde ein langhariger Typ von den Bullen in eine Schaufensterscheibe geschleudert. Ein älterer Passant, der den aus zahlreichen Schnittverletzungen blutenden Hippie helfen wollte, wurde von zwei Zivilbullen zusammengeschlagen. Zwei Krankenenwagen rasten mit heulenden Sirenen über den Platz und transportieren Verletzte ins Krankenhaus.

Die Bullen verteidigten nun das Terrain um den Festnahmewagen mit chemischen Keulen, trotzdem gelang es einige Leute zu befreien. Luisa rannte mir in die Arme, gerötetes Gesicht und dick verquollene Augen; aus allernächster Nähe hatte man ihr Reizgas ins Gesicht gespritzt. Viele andere Leute, auch unbeteiligte Passanten, die wie blinde Hühner durch die Gegend stolperten, alle wurden sie mit Tränengas „sonderbehandelt“.
Von irgendwoher ertönte auf einmal wütendes Hundegekläffe. Einige Cops versuchten die wild brodelnde Menschenmenge mit Kötern unter Kontrolle zu bringen – uns wie Vieh auseinanderzutreiben. Irgendwo in der wild hin und her wogenden Menge sah ich Spider, wollte mich zu ihr durch kämpfen, aber plötzlich hörte ich neben mir ein heiseres Kläffen. Knurrend sprang mir so ein beschissener Köter in die Seite und verbiss sich knurrend in meine Lederjacke.
„Mitkommen - sie sind festgenommen!“, brüllte mich das uniformierte „Herrchen“ dieses knurrenden Bastards an.
“Herrchen” zerrte an seinem geifernden Köter, das durchgeknallte Hundevieh zerrte an meiner Jacke - und ich zerrte voller Panik in die entgegengesetzte Richtung.
„Das Scheissvieh soll mich erst loslassen“, brülle ich hysterisch zurück, kurz vor einem Panikanfall stehend.
“Sie kommen mit!“ brüllte “Herrchen” stupide und zerrte an der Hundeleine, wärend ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, so sehr zittern mir die Knie.

Foto oben und unten: Da hat mich gerade der durchgeknallte Bullenköter zwischen den Zähnen.

Der Köter, dem vor Wut fast die Augen aus’m Schädel rollten, wollte sich wohl noch fester in meine Jacke verbeissen. Er riss seinen geifernden Rachen auf und wollte gerade wieder zuschnappen als ich plötzlich einen Stoß in die Rippen bekam, so das ich mich der Länge nach auf die Schnautze legte. Na ja, und das war dann der Moment, wo ich mich im Knast sah; dachte ich doch, das mich irgendwelche Bullen von den Beinen geholt hätten. Aber nix mit Bullen - es war Spider. Sie hatte sich über mich geworfen und kreischte: “Haut ab, ihr Schweine, verpisst euch...laßt uns in Ruhe!
Nachdem andere Leute den Bullen und seinen Köter abgedrängt hatten, zogen wir uns in Richtung Bahnhof zurück.

Kurze Zeit später hatten sich alle wieder am Brunnen versammelt, abgesehen von den Leuten, die das Treffen zwangsweise ins Polizeipräsidium verlegen mußten. Das Ärgste war jedenfalls vorüber, natürlich gab es noch vereinzelte Verhaftungen und kleinere Keilereien, ansonsten hielten sich beide Seiten zurück. Nicht als Verlierer verließen wir am späten Nachmittag „Paranoia-City“, sondern als Menschen, die sich gegen Unrecht zur Wehr gesetzt hatten.