by Christian (1986)

Eine Scooterrally ist ein Treffen von meist jugendlichen Rollerfans, die in der Regel Army- oder Motorradklamotten tragen, die über und über mit Aufnäher ihrer Treffen oder Clubs bedeckt sind. Sie fahren die verrücktesten Geräte, die bei uns nie eine Chance hätten, durch den TÜV zu kommen. An solchen Treffen nehmen auch immer ne Menge Punx, Skins und Mods teil. Diese Treffen dauern drei Tage, in denen Konzerte, Wettbewerbe und Shows geboten, und Platten, Fanzines, Ersatzteile für Roller und natürlich Speis und Trank verkauft werden.

Mit der letzten bzw. ersten Fähre setzten wir in der Nacht zum Sonntag von Southhampton zur "Isle of Wight" über. Dank eines freundlichen Pakistanis, der uns mit seinen Wagen vom Hafenstädtchen Cowes in die Inselhauptstadt  Newport mitnahm, mussten wir den weiten Weg nicht laufen. In der Stadt befanden sich schon ziemlich viele Scooterboys, Mods, Punks und Glatzen, die sich mit ihren Penntüten in allen möglichen Hauseingängen zum Schlafen verkrochen hatten. Von dieser Entdeckung animiert verschwanden auch wir in eine Toreinfahrt und dort in unsere Schlafsäcke. Als wir morgens aufwachten schien die Sonne vom Himmel und überall wimmelte es nur so von Rollerfahrer. Da auch viele Leute zu Fuss unterwegs waren, fanden wir den Ort des Geschehens (ziemlich schnell. Auf den Zufahrtsstrassen fuhren die Rollerfahrer Lenker an Lenker und Menschenmassen säumten die Strassenränder. Als wir das Gelände der Parkgreen Farm, eine riesige Wiese, erreichten, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr raus; ein Meer von Ein- und Zweimannzelten, dazwischen geparkte Roller, Secondhand-Buden, Trojan-Verkaufsstände und ein riesiges Bierzelt. Grösser als bei uns in München auf der "Wiesn". Und jede Menge kleine Wurst- und Bierbuden, Und natürlich tausende Menschen. Ich schätze es waren so an die 4000 Leute dort. Am Gatter der teilweise umzäunten Wiese bezahlten wir 5 Pfund Eintritt und sahen uns dann erst mal um. Gute Platten gab es zu kaufen, die ausgeflipptesten Roller waren zu bestaunen, viele verrückte Leute - z. B. originalgekleidete Clockwork-Skins, und unzählige andere Attraktionen erregten unser Aufsehen. Überall lagen Mann/Frau herum, tranken und liessen den lieben Gott einen guten Mann sein.

 

Am Nachmittag kam dann Fatty von BAD MANNERS auf die Bühne, um im Wettstreit, wer am besten strippen kann, einen Sieger zu ermitteln. Wer von den weiblichen (und männlichen) Kandidaten den Hauptpreis, einen Roller, gewonnen hat, kann ich nicht sagen, aber was den Leuten an "Perversionen" eingefallen ist, um sich gegenseitig zu übertreffen, das war schon sehenswert. Als es dann dunkel wurde, betraten VICIOUS RUMOURS die Bühne. Da ich von der Band nicht viel halte, will ich zu deren Gig nix sagen.

Nach einer Pause folgte endlich CONDEMNED 84. Bereits mit dem ersten Stück “Teenage Slag” heizten sie der Menge kräftig ein. Die Masse tobte! CONDEMNED spielten ihr gesamtes Repertoire runter und stellten ihre neue EP “Oi - aint dead” vor, die sie gleich mehrmals spielten. Alles sang lautstark mit. So eine Begeisterung habe ich selten bei einem Konzert erlebt. Die Ordner konnten kaum die Absperrungen an der Bühne vor den anstürmenden Massen zusammenhalten. Besonders gut gefielen mir “Follow the leader”, “Skinhead” und halt “Teenage slag”. Nach einer weiteren Pause standen dann BUSINESS “on stage”. Sie peitschten die Massen nochmal auf und nach so etwas wie anfänglicher Arroganz brach das Eis. Am Ende ihres Auftrittes wurde sogar auf der Bühne getanzt. Absoluter Hit des Abends war “Harry may””, das wurde mindestens sechsmal gespielt. Nach dem Auftritt von BUSINESS war das Konzert beendet und wir gingen zum Zelt eines Engländers, den wir dort kennengelernt hatten.

Wir wollten gerade am Bierzelt vorbei als uns ne Masse von Leuten mit sich riss, die das inzwischen geschlossene Bierzelt stürmte. Auch wir drangen durch die zerschnittene Zeltplane ein und jeder schleppte Bierkartons in das Auto unseres englischen Freundes. Als das Auto voll war, tranken wir erst mal auf die fette Beute, nichtsahnend was die Nacht noch für uns bereit halten würde. Überall wurden sich wilde Bierschlachten geliefert, und alles spritzte und gröhlte besoffen und nass herum. Aber nicht lange, denn eine neue Attraktion wurde beklatscht: Irgendwer hatte das Bierzelt angezündet, dessen haushohe Flammen einen im Weg stehenden Wohnwagen in Schutt und Asche legten. Ich war wie in Trance, denn eine solche Welle von “Outlaw” hatte ich noch nie erlebt.

Unter Anfeuerungsrufe des Publikums wurde ein Lastwagenanhänger in die lodernden Flammen geschoben. Aber solche Kreativität rief natürlich sofort die Cops und die Feuerwehr auf den Plan. Als diese zum brennenden Bierzelt fuhren, verschwand der ganze Mob in den Zelten. Die Fahrzeuge hielten an, aber niemand stieg aus, da es von allen Seiten pausenlos Steine und Flaschen regnete. Als schliesslich das erste Fahrzeug wieder umdrehte, stürmte der ganze Pöbel aus der Deckung und vertrieb die enteilenden Cops und Feuerwehrleute mit Knüppeln, Steinen und Flaschen. Nun war das ganze Gelände in “unseren” Händen. Scheiben wurden eingeschlagen, Fast food-Buden umgekippt und geplündert, wärend im brennenden Bierzelt ständig Gasflaschen explodierten, und die betrunkene Menge die turmhohen Feuerfontänen, die wie Raketen in den dunklen Himmel schossen, bejohlte. Irgendwann liessen wir uns an einem Lagerfeuer nieder, um die erbeuteten Würste, Semmel und Biere zu verzehren, wärend um uns herum noch geplündert und randaliert wurde.  Als wir nichts mehr zu essen hatten, zogen wir los, um Nachschub zu besorgen. Wir räumten gerade einen Kleinlaster leer als wir von einem Haufen mit Eisenstangen und Holzknüppel bewaffneten Leute überrascht wurden. Es waren wütende Budenbesitzer, die sich dem plündernden Mob entgegenstellten. Wir versuchten wieder in Deckung zu gehen, aber als ich bemerkte, dass mein Freund Clements fehlte, lief ich zurück und sah, wie er gerade von den Budenbesitzern getollschockt wurde. Ich ging dazwischen und erklärte, dass er ein Deutscher sei und nichts mit den Plünderern zu tun habe. Die Typen sagten aber, dass er beim Plündern erwischt worden sei und der Polizei übergeben werden müsse. Sie brachten ihn dann zu den Cops, die sich am Rande der Wiese postiert hatten. Ich fuhr mit auf die Wache und wollte dort das Ganze als Irrtum darstellen, was es auch war, denn Clements war gar nicht in dem Laster gewesen, wie die Budenbesitzer angegeben hatten. Doch er wurde erst einmal in eine Zelle gesteckt und ich konnte bei den Bullen im Wartesaal übernachten. Am anderen Morgen brachte man ihn zum Gericht, wo ich meinen Freund dann wiedersah. Der Richter stellte ihn vor ein Ultimatum: Wenn er zugeben würde, dass er randaliert hätte, dann käme er mit einer kleinen Geldstrafe davon. Anderenfalls müsse er bis zur Hauptverhandlung im Knast bleiben, und das könne sich bis zu drei Monate hinziehen. Natürlich hat Clements sofort zugegeben, dass er eine Scheibe eingeschlagen habe, und damit war dem britischen Gesetz genüge getan. Der Richter verdonnerte Clements zu einer Geldstrafe von 50 Pfund, zahlbar innerhalb von vier Wochen, und damit war die Sache erledigt. Schöne Rechtsprechung in England, gell? So ist zum Schluss noch mal alles glimpflich abgelaufen, und da dies unser letzter Urlaubstag in England war, ging es noch am selben Tag zurück nach Deutschland.
Fazit: Die Scooter-Rallye war eines der “beeindruckensten” Meetings, das ich miterleben durfte. Und es war ein glänzendes Konzert, u.a. von CONDEMNED 84, für mich DIE Skinhead-Band der 80’er Jahre, und THE BUSINESS, die allen gezeigt haben, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. (Chris)