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INHALT:
1) “Ein Weekend im bayrischen Wald” by G. Gruse (Fotoreport von 1987)
2) “The great big bang” by G. Gruse (Erlebnissbericht von 1986)
3) “Scooterrally 1986 auf der Isle of Wight” by Christian (1986)

 

Wir schreiben den Sommer 1987. An einem Freitagmorgen hiess es mal wieder für Ralf “the kid”, Mario und mich unsere Schlafsäcke und einige Kästen Dortmunder Bier ins Auto zu laden (auf letzteres waren unsere bayrischen Freunde besonders heiss!) und in aller Frühe gegen Süden, das heisst, nach Augsburg durchzustarten. Angesagt war eine zweitägige Grill- und Saufparty mit Freunden und guten Bekannten in einer kleinen Waldhütte bei Truils. Nach sieben Stunde gepflegter Langeweile auf Deutschlands öden Autobahnen, die man jedoch mit viiieeel Bier und Musik aus dem Gettoblaster überbrücken konnte, landeten wir am frühen Nachmittag ziemlich angebreitet beim Eddy in Augsburg. Vielmehr waren nur Mario und ich angebreitet; die arme Sau Ralf hatte schliesslich die ganze Strecke von Dortmund nach Augsburg alleine fahren müssen, und war somit stocknüchtern. Ein Zustand, der dank der mitgekarrten Bierkästen nicht lange anhalten sollte. Irgendwann im Laufe des Nachmittags tauchten dann auch Brandy und Holger von ENDSTUFE auf. Da wir uns am Abend mit den anderen Augsburger Glatzen und auswärtigen Freunden in unserer Stammkneipe treffen wollten, war dann erst mal ein kleiner Spaziergang zum “Ausnüchtern” angesagt. Und dieser Trip führte uns an einen Ort, den in den Achtziger Jahren wohl jedes Kind in Deutschland kannte, zur “Augsburger Puppenkiste”.

Ralf “the kid” (FORCE OF HATE) mit Holger (damals noch git. & vocal bei ENDSTUFE) und “Brandy” auf dem Weg zur “Augsburger Puppenkiste”.

Tja, da stehen wir (Gruse vom FORCE OF HATE, Holger und Hund “Willi”) etwas belämmert vor der “Puppenkiste” herum und warten...ja, auf was? Auf “Jim Knopf und die wilde 13”, japanische Touristen - oder auf die göttliche Erleuchtung?

Irgendwie hat es den Anschein als würde sich Brandy mehr für Bierflaschen als für “Puppenkisten” interessieren. Recht hatte er!

Abends in unserer Stammkneipe. Einstimmung auf den nächsten Tag. Foto links: Der Sven aus Hamburg sagt Prost. Foto rechts: (von l. nach r.) Pille, Mütze, Sven und Lausi.

Am nächsten Morgen ging es dann bei strahlendem Sonnenschein im Autokonvoi nach Truils zur Waldhütte. Das Foto entstand wärend einer unserer vielen Zigaretten-, Bier- und Pisspausen. Schliesslich waren wir fast drei Stunden unterwegs. Von links nach rechts: Mütze (Augsburg), Schorsch (Fürth), Gruse (Dortmund), Kalle (Fürth), Sven (Hamburg), Kneissel (Augsburg), Frank (Augsburg), Wanze, von ihr kann man nur den bunten Iro erkennen (Ausgburg), hinter ihr auf dem Autodach, Bernhard aus Augsburg. An den Namen der Glatze an der Autotüre, der Typ kam aus Lindau am Bodensee, kann ich mich nicht mehr erinnern. Um so mehr an den smarten jungen Mann mit der hippen Frisur und coolen Sonnenbrille: Holger von ENDSTUFE. Der glatzköpfige junge Mann im Vordergrund mit dem 4 SKINS-Shirt und dem leichten Ansatz zum Bierbauch ist natürlich Freund Brandy.

Und irgendwann, ich weiss nicht wann, hatten wir die Waldhütte erreicht. So richtig habe ich das gar nicht mitbekommen. Ich war nämlich wärend der Fahrt elend abgekackt (ach ja, der böse Alkohol!). Als ich mich endlich mit brummenden Schädel (daher auch mein etwas missgelaunter Blick auf dem Foto) aus dem Auto quälte, hatten meine Kollegen bereits die ersten Flaschen hinter sich. Ich dagegen hätte am liebsten abgekotzt, so elend und verkatert fühlte ich mich. Schliesslich steckte mir noch das Besäufnis vom Abend in den Knochen. Besonders die riesigen Bierkrüge mit “Goisenmoas”, die wir in unserer Stammkneipe gestemmt hatten. Pro Krug zwei Liter Bier, aufgefüllt mit viiieeel Kirschlikör! Das Zeug hat geballert - oh, du heilige Scheisse! Ich hatte mir drei dieser Krüge reingezogen, und weiss bis heute nicht, wer mich anschliessend die steilen Treppen zu Eddys Wohnung (dritte Etage) hochgeschleppt hatte. Das Resultat: Als ich am nächsten Morgen mit pochenden Schädel aufgewacht bin, fühlte ich mich wie ins Leben geschissen und einfach liegengelassen.

Und an diesem depressiven Zustand sollte sich an diesem Wochenende nichts mehr ändern. Im Gegenteil! Nachdem ich mir am späten Abend eine ekelhaft vor Fett triefende Grillwurst reingewürgt hatte - Mario zu mir: “Du musst endlich was essen, sonst kippst du noch um!”, war alles aus. Diese beschissene Grillwurst hatte mir den endgültigen Todesstoss versetzt. Ich wollte nur noch sterben! Kotzenderweise verzog ich mich mit meinem Schlafsäck in den Bus. Das war nicht MEIN Weekend - das stand jetzt schon fest!

Die zwei smarten Herren im Vordergrund sind Pedder Teumer von DAILY TERROR aus Braunschweig, und Ulrich G. (Uhl) vom ehemaligen CLOCKWORK ORANGE-Fanzine (heute DIM-RECORDS) aus Coburg.

Jedenfalls haben die Leute kräftig abgefeiert. Ich weiss nicht mehr, wer da im Laufe der Nacht noch alles aufgetaucht ist. Auf dem Höhepunkt der Party machten ca. siebzig Punks und Skins die Nacht zum Tage. Ich wollte ja bis zum Morgen durchpennen, aber mitten in der Nacht riss mich Thomas von “we bite-records” aus dem Schlaf: “Gruse, du alte Ratte, lass uns einen saufen!” Dieser freundlichen Einladung konnte ich mich natürlich nicht verschliessen. Und so nahm dieses Wochenende doch noch ein einigermassen versöhnliches Ende.

NACHTRAG: Und hier versucht Mario den Kühen das Saufen beizubringen. Man achte auf den Blick der Kuh im Hintergrund! Ihrem Kollegen im Vordergrund scheint es jedenfalls zu schmecken. Prost!

 

Bildbeschreibung: Tonne + Spiller (beide Delmenhorst) mit Holgi von ENDSTUFE in Bremen.
Das Foto dieses smarten norddeutschen Trios entstand irgendwann zwischen 1985/86. Kommentar von Spiller, der inzwischen im Ruhrpott heimisch geworden ist: “Ich finde das Bild widerlegt sehr schön die heutige Meinung, das wir damals alle nur in grünen Bomberjacken rumgelaufen sind”. Recht hat er! Und es widerlegt das hartnäckige Gerücht, dass man zu jener Zeit ein besonderes Faible für SREWDRIVER- oder Keltenkreuz-Shirts an den Tag gelegt hätte. Bullshit! Der gepflegte Skin jener Jahren trug Shirts von LAST RESORT (Spiller) oder DAILY TERROR (Holgi).

 

Es war ein Wochenende im Sommer des Jahres 1986. Zwei Tage (18./19. Juli), die mit blood and violence begannen und mit beer and fun endeten. Kurz und knapp: Am Freitag gab’s was auf die Glatze, und am Samstag wurde gesoffen. Auf ersteres hätte ich natürlich gerne verzichtet, aber manchmal schreibt das Leben seine eigenen Drehbücher. Und dieses trug wohl den Titel: "Es kann ein Skinhead nicht in Frieden saufen, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt" - oder so ähnlich! Wobei die Rolle des "Skinheads" natürlich an mich und meine kahlköpfigen Freunde ging, wärend der Part des "bösen Nachbarn" von einer durchgeknallten Horde angesoffener Asipunks gespielt wurde.

Hintergrund der ganzen Affaire war das zweite Düsseldorfer “Skinhead-Meeting”, dass am 19. Juli 1986 am “Angermunder See” über die Bühne gehen sollte (Siehe hierzu SKINS ON TOUR / Part 2). Zu diesem Anlass hatten sich bei mir für Freitag einige norddeutsche Freunde, unter ihnen Brandy, zu einem kleinen Zechgelage als Einstimmung auf das Treffen am Samstag angekündigt. So weit so gut,- sollte man denken. Oder auch nicht. Wenn man nämlich bedenkt, dass ich, obwohl ich schon seit mehr als einem Jahr als Glatze durch die Gegend stiefelte, zu diesem Zeitpunkt noch immer auf der Düsseldorfer "Kiefernstrasse" wohnte, dann bekommt die ganze Sache schon eine ganz andere Brisanz. Und diese Brisanz bestand aus einer Strasse mit Arbeiterhäusern aus der Vorkriegszeit, von denen sieben seit Dezember 1980 von Autonomen, Antiimps, Antifas und Punx besetzt waren.
Das ist nicht gerade ein gesundes Umfeld für einen Skinhead, sollte man denken! Richtig! Noch ungesünder ist es, wenn es sich bei dieser Glatze um einen Ex-Punker handelt, der sich nach der Radikalschur seines Haupthaares und dem Wechsel seiner Schuhmarke von Springerstiefeln zu blank geputzten DcMartens plötzlich in der Rolle eines "dreckigen Verräters" an der Punkbewegung wiederfand. Um in diesem Umfeld als Glatze zu leben, oder besser gesagt zu überleben, da brauchte man eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, und ein paar korrekte Freunde aus der Punk- und linken Politszene. Andere sind ja der Meinung, dass ich damals viel zu leichtsinnig gewesen bin. Dass ich mit dem Feuer gespielt habe. Klar ist, das ich einige “Zeichen” nicht Ernst genommen habe, wie die immer spürbarer werdende Distanz, bis hin zur offenen Feindschaft, zwischen mir und vielen meiner “Freunde” aus der Punkerszene.
Die einzige Konsequenz, die ich nach diversen Auseinandersetzungen gezogen hatte, bestand darin, dass ich aus dem “Punkerhaus”, in dem ich seit der Besetzung 1980 gelebt habe, ausgezogen bin und mir am Ende der Straße eine alte Wohnung gemietet hatte. Im Grunde genommen war es eine verkommene Bruchbude, in die ich heute noch nicht einmal meinen Hund einsperren würde. Aber Begriffe wie “Lebensqualität” empfand ich damals noch als recht “spiessig”, und nach fast sechs Jahren “Punk” ging mir sowas wie “Wohnqualität” doch ziemlich am Arsch vorbei. Jedenfalls zog ich in dieses Loch, in dem irrigen Glauben, in Zukunft etwas weniger Stress zu haben. Fuck off! Jetzt ging die Scheisse erst richtig los! Scheiben wurden eingeworfen und meine Wohnungstüre und die Hauswand mit Hakenkreuze und „Nazis Raus“-Parolen besprüht, Post geklaut und eingebrochen. Kurz gesagt: Es war ganz und gar nicht mehr lustig. Trotzdem wollte ich durchhalten. NEVER SURRENDER! Ich hatte absolut keinen Bock, vor diesem Scum feige den Schwanz einzuziehen und mich von dieser Strasse vertreiben zu lassen. Nach der handfesten “Intervention” einiger Freunde (u.a. mein Freund Crazy und seine Irogang) schien sich die Lage langsam zu entspannen. Es kam so weit, dass plötzlich Skinheads zum alltäglichen Strassenbild auf der “Kiefern” gehörten. Wie hätte ich denn ahnen können, dass es ausgerechnet an diesem Wochenende zum grossen Big Bang kommen sollte?
Dabei hatte alles so locker begonnen. Am Nachmittag waren Ralf “the Kid” (FOH-Redaktion), Tonne und Spiller aus Delmenhorst und Freund Brandy (ENDSTUFE) bei mir aufgelaufen. Kurz danach folgten zwei Düsseldorfer Rude-Boys, und ‘ne brutal fette Glatze aus Frankfurt. Ausserdem hatten sich noch Sven aus Hamburg und Christian & Clemens, zwei Münchner Skinheads, angesagt. Und Petra, ‘ne Bekannte aus meiner Punkerzeit. Am späten Abend wollten wir dann alle in den “Ratinger Hof” fahren; in den Achtziger Jahren eine über Düsseldorfs Grenzen weit hinaus bekannte Szene- und Konzertkneipe in der Altstadt. An den Wochenenden der ultimative Treffpunkt für unzählige Punks und Skins aus der gesamten Rhein-Ruhr-Region. Und so leerten wir in Erwartung auf ein feucht-fröhliches Wochenende die ersten Flaschen Bier, aus den Boxen dröhnte der Punk/Skin-Sound, draussen knallte die Sonne, wärend Brandy mal wieder zur Höchstform auflief und die ganze Gesellschaft mit seinen “mitten-aus-dem-Leben-gegriffenen” Storys zum Gröhlen brachte.


18. Juli 1986: Auf der Düsseldorfer Kiefernstrasse - kurz vor dem Überfall. Ganz links: Brandy von ENDSTUFE. Vorn mit (noch) weisser (später blutiger) Hose: Günter vom FORCE OF HATE.

Es lief also alles nach Plan - bis irgendwann der ätzende Hohlschädel vom “Stinker” im Fenster auftauchte. Ich muss anmerken, dass sich die Wohnung im Erdgeschoss befand, und an jenem Tag wegen des geilen Wetters die Fenster zur Strasse weit offen standen. Hätte mein Kumpel Crazy seinen papageienbunten Iro durchs Fenster geschoben, das wäre kein Problem gewesen. Aber dieser “Stinker” war allertiefstes Punkerniveau. Das war wirklich nur noch die übelste Gosse! Dort konnte man ihn auch öfters antreffen, zugesoffen, bekotzt, und mit vollgeschissener Hose. Klar, dass dieser Typ nicht gerade zu meinen Freunden zählte. Im Gegenteil. Abgesehen davon, dass ich schon als Punk jeden Umgang mit menschlichen Müllhalden und Bakterienschleudern strikt gemieden hatte, gehörte er zu jenem angepissten Haufen von Kiefernpunx und Antifa-Freaks, die mich nach meinem “Verrat” zu ihrem persönlichen Hassobjekt auserkoren hatten.
Und dieser üble Fucker stand nun mit glasigen Augen vor meinem Fenster und sabberte was von “ob-ich-wohl-ne-Party-mache-und-ein-Bier-für-ihn-habe”. “Natürlich mache ich ne Party, aber Bier gibts nur für Freunde”, war meine nicht gerade freundliche Antwort, “und zu denen gehörst du nicht”. Sagte es, und knallte ihm das Fenster vor der Nase zu.
Kurz danach tauchte Petra auf, wärend Ralf und die beiden Rude-Boys zur Tankstelle fuhren, um Bier zu holen. Als sie zurückkamen, meinte Ralf, er habe gerade einen Punker mit einem Knüppel an der Straßenecke stehen sehen. Das war dann der Moment, in dem ich plötzlich ein verdammt teuflisches Gefühl in der Magengegend verspürte. Mein inneres Alarmsystem signalisierte mir, das irgendetwas in der Luft lag, was nach Ärger roch. „Es ist besser, wenn ich mal nachschauen gehe“, sagte ich, „lasst aber vorsichtshalber die Fenster zu.” Ich zog ich mir also die Jacke über und ging in Richtung Hausnummer 13, dem Punkerhaus, hier wohnten zu diesem Zeitpunkt fast nur noch kaputte Syphpunks und Drogenfreaks. Als ich an der Nummer 23 um die Ecke bog, sah ich vor dem Punkerhaus ungefähr zwei Dutzend Punks stehen, die mit Ketten, Eisenstangen und Holzknüppeln bewaffnet waren. Die meisten dieser Typen kannte ich, sie kamen aus Duisburg und Oberhausen und hielten sich nur an den Wochenenden auf der “Kiefern” auf. Sie gehörten zwar nicht zu meinem Freundeskreis, aber in der Verganheit hatten sie sich mir gegenüber immer neutral verhalten. Daher unterschätzte ich auch die Gewaltbereitschaft dieser Schweine. Als ich mich ihnen nämlich genähert, und kaum die Frage ausgesprochen hatte: „Ey, Leute, was soll den jetzt abgehen?“, bekam ich als Antwort einen Knüppel vor die Brust, so dass ich mich der Länge nach auf den Arsch legte. Als ich zu Boden ging, stürmte der ganze Mob mit „Nazis Raus!“-Geschrei los, natürlich meinte einer von diesen Irren, er müsse mir noch im Vorbeirennen einen gepflegten Tritt in die Rippen verpassen. Ich rappelte mich hoch und rannte humpelnd hinter der Syphmeute her. Als ich an meiner Wohnung angelangt war, traten sie gerade die Türe ein.
Was nun im Einzelnen alles abgegangen ist, daran kann ich mich heute kaum noch recht erinnern. Jedenfalls war es ein höllisches Durcheinander. Brandy, Spiller und die anderen befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Wohnzimmer und hielten von innen die Türe zu, während einige der Angreifer von der Küche her ein Loch in die Türe schlugen und Tränengas in den Raum sprühten. Das Gas machte Brandy und die anderen Leute “kampfunfähig”. Ich versuchte zwar noch die Chaoten von der Türe wegzudrängen, aber das Ergebnis meiner Bemühungen war der Knüppelschlag eines Duisburger Asipunks in meine lädierten Rippen, der mir erstmal die Luft nahm. Sie trampelten über mich weg ins Wohnzimmer und knüppelten auf alles los, was sich ihnen in den Weg stellte. Brandy hat es dabei am Arm und am Kopf erwischt.
Ein türkischer Nachbar hatten inzwischen bei den Bullen angerufen, aber die liessen sich nicht blicken. Ihnen ging der Arsch auf Grundeis, wie sich später herausstellen sollte. Einige der ach so schlauen Härteskins werden jetzt sicher die Frage stellen, warum habt ihr euch von diesem durchgeknallten Mob so einfach aufmischen lassen. Ganz einfach, das Kräfteverhältnis bestand aus acht Skins und eine Frau, denen ca. 25 total enthemmte Punker gegenüberstanden. Und außerdem kam diese Sache so überraschend, dass niemand von uns zu einer vernünftigen Gegenwehr fähig gewesen wäre. Hilfe kam schließlich von einer Seite, mit der ich an diesem Tag nicht mehr gerechnet hatte. Und zwar von Crazy, und einigen seiner bunthaarigen Kumpels, die ich eigendlich auf dem Weg zu einem Punkkonzert in Venlo geglaubt hatte. Ihnen gelang es, den Schlägertrupp von meiner Wohnung wegzudrängten.
Als alles vorbei war, tauchte auch endlich ein Polizeiwagen mit zwei Beamte auf, aber glaubt bloß nicht, die hätten sich auf die “Kiefern” getraut - mit der vielsagenden Begründung „Es sind keine Kräfte frei, und wir sind doch nicht so lebensmüde und fahren da mit zwei Beamte rein“, parkten sie ihre Karre fast 100 Meter weiter auf der Hauptverkehrsstraße, wo sie sich um die verletzten Freunde kümmerten und einen Krankenwagen anforderten. Nachdem die Verletzten im Krankenhaus behandelt worden waren, fuhren alle in die Wohnung von Ralfs Mutter, wärend ich mit Hilfe des türkischen Nachbarn (!) und Crazy, erst mal die eingeschlagenen Fenster mit Bretter vernageln und die Wohnungstüre reparieren musste. Danach fuhr ich in Ralfs Wohnung, dessen Mutter in der folgenden Nacht bei Nachbarn schlief, da sie ihr Schlafzimmer unseren verletzten norddeutschen Freunden zur Verfügung gestellt hatte.
Tja, Leute, so war das damals, am 18. Juli des Jahres 1986. Einige Wochen später habe ich mit Hilfe einiger Freunde von den ANTIIMPS (Anti-Imperialisten) die Strasse in einer heimlichen Nacht- und Nebelaktion verlassen. Es hatte Drohungen gegen mich gegeben, die ich nicht länger ignorieren konnte. In der folgenden Nacht wurde meine verlassene Wohnung abgefackelt.


20. Juli 1986: Spiller und Kollegen auf der Rückfahrt nach Nordeutschland

 

 

 

by Christian (1986)

Eine Scooterrally ist ein Treffen von meist jugendlichen Rollerfans, die in der Regel Army- oder Motorradklamotten tragen, die über und über mit Aufnäher ihrer Treffen oder Clubs bedeckt sind. Sie fahren die verrücktesten Geräte, die bei uns nie eine Chance hätten, durch den TÜV zu kommen. An solchen Treffen nehmen auch immer ne Menge Punx, Skins und Mods teil. Diese Treffen dauern drei Tage, in denen Konzerte, Wettbewerbe und Shows geboten, und Platten, Fanzines, Ersatzteile für Roller und natürlich Speis und Trank verkauft werden.

Mit der letzten bzw. ersten Fähre setzten wir in der Nacht zum Sonntag von Southhampton zur "Isle of Wight" über. Dank eines freundlichen Pakistanis, der uns mit seinen Wagen vom Hafenstädtchen Cowes in die Inselhauptstadt Newport mitnahm, mussten wir den weiten Weg nicht laufen. In der Stadt befanden sich schon ziemlich viele Scooterboys, Mods, Punks und Glatzen, die sich mit ihren Penntüten in allen möglichen Hauseingängen zum Schlafen verkrochen hatten. Von dieser Entdeckung animiert verschwanden auch wir in eine Toreinfahrt und dort in unsere Schlafsäcke. Als wir morgens aufwachten schien die Sonne vom Himmel und überall wimmelte es nur so von Rollerfahrer. Da auch viele Leute zu Fuss unterwegs waren, fanden wir den Ort des Geschehens (ziemlich schnell. Auf den Zufahrtsstrassen fuhren die Rollerfahrer Lenker an Lenker und Menschenmassen säumten die Strassenränder.

Als wir das Gelände der Parkgreen Farm, eine riesige Wiese, erreichten, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr raus; ein Meer von Ein- und Zweimannzelten, dazwischen geparkte Roller, Secondhand-Buden, Trojan-Verkaufsstände und ein riesiges Bierzelt. Grösser als bei uns in München auf der "Wiesn". Und jede Menge kleine Wurst- und Bierbuden, Und natürlich tausende Menschen. Ich schätze es waren so an die 4000 Leute dort. Am Gatter der teilweise umzäunten Wiese bezahlten wir 5 Pfund Eintritt und sahen uns dann erst mal um. Gute Platten gab es zu kaufen, die ausgeflipptesten Roller waren zu bestaunen, viele verrückte Leute - z. B. originalgekleidete Clockwork-Skins, und unzählige andere Attraktionen erregten unser Aufsehen. Überall lagen Mann/Frau herum, tranken und liessen den lieben Gott einen guten Mann sein.

Am Nachmittag kam dann Fatty von BAD MANNERS auf die Bühne, um im Wettstreit, wer am besten strippen kann, einen Sieger zu ermitteln. Wer von den weiblichen (und männlichen) Kandidaten den Hauptpreis, einen Roller, gewonnen hat, kann ich nicht sagen, aber was den Leuten an "Perversionen" eingefallen ist, um sich gegenseitig zu übertreffen, das war schon sehenswert. Als es dann dunkel wurde, betraten VICIOUS RUMOURS die Bühne. Da ich von der Band nicht viel halte, will ich zu deren Gig nix sagen.

Nach einer Pause folgte endlich CONDEMNED 84. Bereits mit dem ersten Stück “Teenage Slag” heizten sie der Menge kräftig ein. Die Masse tobte! CONDEMNED spielten ihr gesamtes Repertoire runter und stellten ihre neue EP “Oi - aint dead” vor, die sie gleich mehrmals spielten. Alles sang lautstark mit. So eine Begeisterung habe ich selten bei einem Konzert erlebt. Die Ordner konnten kaum die Absperrungen an der Bühne vor den anstürmenden Massen zusammenhalten. Besonders gut gefielen mir “Follow the leader”, “Skinhead” und halt “Teenage slag”. Nach einer weiteren Pause standen dann BUSINESS “on stage”. Sie peitschten die Massen nochmal auf und nach so etwas wie anfänglicher Arroganz brach das Eis. Am Ende ihres Auftrittes wurde sogar auf der Bühne getanzt. Absoluter Hit des Abends war “Harry may””, das wurde mindestens sechsmal gespielt. Nach dem Auftritt von BUSINESS war das Konzert beendet und wir gingen zum Zelt eines Engländers, den wir dort kennengelernt hatten. Wir wollten gerade am Bierzelt vorbei als uns ne Masse von Leuten mit sich riss, die das inzwischen geschlossene Bierzelt stürmte. Auch wir drangen durch die zerschnittene Zeltplane ein und jeder schleppte Bierkartons in das Auto unseres englischen Freundes. Als das Auto voll war, tranken wir erst mal auf die fette Beute, nichtsahnend was die Nacht noch für uns bereit halten würde. Überall wurden sich wilde Bierschlachten geliefert, und alles spritzte und gröhlte besoffen und nass herum. Aber nicht lange, denn eine neue Attraktion wurde beklatscht: Irgendwer hatte das Bierzelt angezündet, dessen haushohe Flammen einen im Weg stehenden Wohnwagen in Schutt und Asche legten. Ich war wie in Trance, denn eine solche Welle von “Outlaw” hatte ich noch nie erlebt.

Unter Anfeuerungsrufe des Publikums wurde ein Lastwagenanhänger in die lodernden Flammen geschoben. Aber solche Kreativität rief natürlich sofort die Cops und die Feuerwehr auf den Plan. Als diese zum brennenden Bierzelt fuhren, verschwand der ganze Mob in den Zelten. Die Fahrzeuge hielten an, aber niemand stieg aus, da es von allen Seiten pausenlos Steine und Flaschen regnete. Als schliesslich das erste Fahrzeug wieder umdrehte, stürmte der ganze Pöbel aus der Deckung und vertrieb die enteilenden Cops und Feuerwehrleute mit Knüppeln, Steinen und Flaschen. Nun war das ganze Gelände in “unseren” Händen. Scheiben wurden eingeschlagen, Fast food-Buden umgekippt und geplündert, wärend im brennenden Bierzelt ständig Gasflaschen explodierten, und die betrunkene Menge die turmhohen Feuerfontänen, die wie Raketen in den dunklen Himmel schossen, bejohlte. Irgendwann liessen wir uns an einem Lagerfeuer nieder, um die erbeuteten Würste, Semmel und Biere zu verzehren, wärend um uns herum noch geplündert und randaliert wurde. Als wir nichts mehr zu essen hatten, zogen wir los, um Nachschub zu besorgen. Wir räumten gerade einen Kleinlaster leer als wir von einem Haufen mit Eisenstangen und Holzknüppel bewaffneten Leute überrascht wurden. Es waren wütende Budenbesitzer, die sich dem plündernden Mob entgegenstellten. Wir versuchten wieder in Deckung zu gehen, aber als ich bemerkte, dass mein Freund Clements fehlte, lief ich zurück und sah, wie er gerade von den Budenbesitzern getollschockt wurde. Ich ging dazwischen und erklärte, dass er ein Deutscher sei und nichts mit den Plünderern zu tun habe. Die Typen sagten aber, dass er beim Plündern erwischt worden sei und der Polizei übergeben werden müsse. Sie brachten ihn dann zu den Cops, die sich am Rande der Wiese postiert hatten. Ich fuhr mit auf die Wache und wollte dort das Ganze als Irrtum darstellen, was es auch war, denn Clements war gar nicht in dem Laster gewesen, wie die Budenbesitzer angegeben hatten. Doch er wurde erst einmal in eine Zelle gesteckt und ich konnte bei den Bullen im Wartesaal übernachten. Am anderen Morgen brachte man ihn zum Gericht, wo ich meinen Freund dann wiedersah. Der Richter stellte ihn vor ein Ultimatum: Wenn er zugeben würde, dass er randaliert hätte, dann käme er mit einer kleinen Geldstrafe davon. Anderenfalls müsse er bis zur Hauptverhandlung im Knast bleiben, und das könne sich bis zu drei Monate hinziehen. Natürlich hat Clements sofort zugegeben, dass er eine Scheibe eingeschlagen habe, und damit war dem britischen Gesetz genüge getan. Der Richter verdonnerte Clements zu einer Geldstrafe von 50 Pfund, zahlbar innerhalb von vier Wochen, und damit war die Sache erledigt. Schöne Rechtsprechung in England, gell? So ist zum Schluss noch mal alles glimpflich abgelaufen, und da dies unser letzter Urlaubstag in England war, ging es noch am selben Tag zurück nach Deutschland.
Fazit: Die Scooter-Rallye war eines der “beeindruckensten” Meetings, das ich miterleben durfte. Und es war ein glänzendes Konzert, u.a. von CONDEMNED 84, für mich DIE Skinhead-Band der 80’er Jahre, und THE BUSINESS, die allen gezeigt haben, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. (Chris)