(Dank an “Spiller” für die Fotos auf dieser Seite)

Bildbeschreibung: Tonne + Spiller (beide Delmenhorst) mit Holgi von ENDSTUFE in Bremen.
Das Foto dieses smarten norddeutschen Trios entstand irgendwann zwischen 1985/86. Kommentar von Spiller, der inzwischen im Ruhrpott heimisch geworden ist: “Ich finde das Bild widerlegt sehr schön die heutige Meinung, das wir damals alle nur in grünen Bomberjacken rumgelaufen sind”. Recht hat er! Und es widerlegt das hartnäckige Gerücht, dass man zu jener Zeit ein besonderes Faible für SREWDRIVER- oder Keltenkreuz-Shirts an den Tag gelegt hätte. Bullshit!  Der gepflegte Skin jener Jahren trug Shirts von LAST RESORT (Spiller) oder DAILY TERROR (Holgi).

 

Es war ein Wochenende im Sommer des Jahres 1986. Zwei Tage (18./19. Juli), die mit blood and violence begannen und mit beer and fun endeten. Kurz und knapp: Am Freitag gab’s was auf die Glatze, und am Samstag wurde gesoffen. Auf ersteres hätte ich natürlich gerne verzichtet, aber manchmal schreibt das Leben seine eigenen Drehbücher. Und dieses trug wohl den Titel: "Es kann ein Skinhead nicht in Frieden saufen, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt" - oder so ähnlich! Wobei die Rolle des "Skinheads" natürlich an mich und meine kahlköpfigen Freunde ging, wärend der Part des "bösen Nachbarn" von einer durchgeknallten Horde angesoffener Asipunks gespielt wurde.

Hintergrund der ganzen Affaire war das zweite Düsseldorfer “Skinhead-Meeting”, dass am 19. Juli 1986 am “Angermunder See” über die Bühne gehen sollte (Siehe hierzu SKINS ON TOUR / Part 2). Zu diesem Anlass hatten sich bei mir für Freitag einige norddeutsche Freunde, unter ihnen Brandy, zu einem kleinen Zechgelage als Einstimmung auf das Treffen am Samstag angekündigt. So weit so gut,- sollte man denken. Oder auch nicht. Wenn man nämlich bedenkt, dass ich, obwohl ich schon seit mehr als einem Jahr als Glatze durch die Gegend stiefelte, zu diesem Zeitpunkt noch immer auf der Düsseldorfer "Kiefernstrasse" wohnte, dann bekommt die ganze Sache schon eine ganz andere Brisanz. Und diese Brisanz bestand aus einer Strasse mit Arbeiterhäusern aus der Vorkriegszeit, von denen sieben seit Dezember 1980 von Autonomen, Antiimps, Antifas und Punx besetzt waren.
Das ist nicht gerade ein gesundes Umfeld für einen Skinhead, sollte man denken! Richtig! Noch ungesünder ist es, wenn es sich bei dieser Glatze um einen Ex-Punker handelt, der sich nach der Radikalschur seines Haupthaares und dem Wechsel seiner Schuhmarke von Springerstiefeln zu blank geputzten DcMartens plötzlich in der Rolle eines "dreckigen Verräters" an der Punkbewegung wiederfand. Um in diesem Umfeld als Glatze zu leben, oder besser gesagt zu überleben, da brauchte man eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, und ein paar korrekte Freunde aus der Punk- und linken Politszene. Andere sind ja der Meinung, dass ich damals viel zu leichtsinnig gewesen bin. Dass ich mit dem Feuer gespielt habe. Klar ist, das ich einige “Zeichen” nicht Ernst genommen habe, wie die immer spürbarer werdende Distanz, bis hin zur offenen Feindschaft, zwischen mir und vielen meiner “Freunde” aus der Punkerszene.
Die einzige Konsequenz, die ich nach diversen Auseinandersetzungen gezogen hatte, bestand darin, dass ich aus dem “Punkerhaus”, in dem ich seit der Besetzung 1980 gelebt habe, ausgezogen bin und mir am Ende der Straße eine alte Wohnung gemietet hatte. Im Grunde genommen war es eine verkommene Bruchbude, in die ich heute noch nicht einmal meinen Hund einsperren würde. Aber Begriffe wie “Lebensqualität” empfand ich damals noch als recht “spiessig”, und nach fast sechs Jahren “Punk” ging mir sowas wie “Wohnqualität” doch ziemlich am Arsch vorbei. Jedenfalls zog ich in dieses Loch, in dem irrigen Glauben, in Zukunft etwas weniger Stress zu haben. Fuck off! Jetzt ging die Scheisse erst richtig los! Scheiben wurden eingeworfen und meine Wohnungstüre und die Hauswand mit Hakenkreuze und „Nazis Raus“-Parolen besprüht, Post geklaut und eingebrochen. Kurz gesagt: Es war ganz und gar nicht mehr lustig. Trotzdem wollte ich durchhalten. NEVER SURRENDER! Ich hatte absolut keinen Bock, vor diesem Scum feige den Schwanz einzuziehen und mich von dieser Strasse vertreiben zu lassen. Nach der handfesten “Intervention” einiger Freunde (u.a. mein Freund Crazy und seine Irogang) schien sich die Lage langsam zu entspannen. Es kam so weit, dass plötzlich Skinheads zum alltäglichen Strassenbild auf der “Kiefern” gehörten. Wie hätte ich denn ahnen können, dass es ausgerechnet an diesem Wochenende zum grossen Big Bang kommen sollte?
Dabei hatte alles so locker begonnen. Am Nachmittag waren Ralf “the Kid” (FOH-Redaktion), Tonne und Spiller aus Delmenhorst und Freund Brandy (ENDSTUFE) bei mir aufgelaufen. Kurz danach folgten zwei Düsseldorfer Rude-Boys, und ‘ne brutal fette Glatze aus Frankfurt. Ausserdem hatten sich noch Sven aus Hamburg und Christian & Clemens, zwei Münchner Skinheads, angesagt. Und Petra, ‘ne Bekannte aus meiner Punkerzeit. Am späten Abend wollten wir dann alle in den “Ratinger Hof” fahren; in den Achtziger Jahren eine über Düsseldorfs Grenzen weit hinaus bekannte Szene- und Konzertkneipe in der Altstadt. An den Wochenenden der ultimative Treffpunkt für unzählige Punks und Skins aus der gesamten Rhein-Ruhr-Region.
Und so leerten wir in Erwartung auf ein feucht-fröhliches Wochenende die ersten Flaschen Bier, aus den Boxen dröhnte der Punk/Skin-Sound, draussen knallte die Sonne, wärend Brandy mal wieder zur Höchstform auflief und die ganze Gesellschaft mit seinen “mitten-aus-dem-Leben-gegriffenen” Storys zum Gröhlen brachte.



18. Juli 1986: Auf der Düsseldorfer Kiefernstrasse - kurz vor dem Überfall. Ganz links: Brandy von ENDSTUFE. Vorn mit (noch) weisser (später blutiger) Hose: Günter vom FORCE OF HATE.

Es lief also alles nach Plan - bis irgendwann der ätzende Hohlschädel vom “Stinker” im Fenster auftauchte. Ich muss anmerken, dass sich die Wohnung im Erdgeschoss befand, und an jenem Tag wegen des geilen Wetters die Fenster zur Strasse weit offen standen. Hätte mein Kumpel Crazy seinen papageienbunten Iro durchs Fenster geschoben, das wäre kein Problem gewesen. Aber dieser “Stinker” war allertiefstes Punkerniveau. Das war wirklich nur noch die übelste Gosse! Dort konnte man ihn auch öfters antreffen, zugesoffen, bekotzt, und mit vollgeschissener Hose. Klar, dass dieser Typ nicht gerade zu meinen Freunden zählte. Im Gegenteil. Abgesehen davon, dass ich schon als Punk jeden Umgang mit menschlichen Müllhalden und Bakterienschleudern strikt gemieden hatte, gehörte er zu jenem angepissten Haufen von Kiefernpunx und Antifa-Freaks, die mich nach meinem “Verrat” zu ihrem persönlichen Hassobjekt auserkoren hatten.
Und dieser üble Fucker stand nun mit glasigen Augen vor meinem Fenster und sabberte was von “ob-ich-wohl-ne-Party-mache-und-ein-Bier-für-ihn-habe”. “Natürlich mache ich ne Party, aber Bier gibts nur für Freunde”, war meine nicht gerade freundliche Antwort, “und zu denen gehörst du nicht”. Sagte es, und knallte ihm das Fenster vor der Nase zu.
Kurz danach tauchte Petra auf, wärend Ralf und die beiden Rude-Boys zur Tankstelle fuhren, um Bier zu holen. Als sie zurückkamen, meinte Ralf, er habe gerade einen Punker mit einem Knüppel an der Straßenecke stehen sehen. Das war dann der Moment, in dem ich plötzlich ein verdammt teuflisches Gefühl in der Magengegend verspürte. Mein inneres Alarmsystem signalisierte mir, das irgendetwas in der Luft lag, was nach Ärger roch. „Es ist besser, wenn ich mal nachschauen gehe“, sagte ich, „lasst aber vorsichtshalber die Fenster zu.”



Kiefernstrasse 1986: Das Punkerhaus!

Ich zog ich mir also die Jacke über und ging in Richtung Hausnummer 13, dem Punkerhaus, hier wohnten zu diesem Zeitpunkt fast nur noch kaputte Syphpunks und Drogenfreaks. Als ich an der Nummer 23 um die Ecke bog, sah ich vor dem Punkerhaus ungefähr zwei Dutzend Punks stehen, die mit Ketten, Eisenstangen und Holzknüppeln bewaffnet waren. Die meisten dieser Typen kannte ich, sie kamen aus Duisburg und Oberhausen und hielten sich nur an den Wochenenden auf der “Kiefern” auf. Sie gehörten zwar nicht zu meinem Freundeskreis, aber in der Verganheit hatten sie sich mir gegenüber immer neutral verhalten. Daher unterschätzte ich auch die Gewaltbereitschaft dieser Schweine. Als ich mich ihnen nämlich genähert, und kaum die Frage ausgesprochen hatte: „Ey, Leute, was soll den jetzt abgehen?“, bekam ich als Antwort einen Knüppel vor die Brust, so dass ich mich der Länge nach auf den Arsch legte. Als ich zu Boden ging, stürmte der ganze Mob mit „Nazis Raus!“-Geschrei los, natürlich meinte einer von diesen Irren, er müsse mir noch im Vorbeirennen einen gepflegten Tritt in die Rippen verpassen. Ich rappelte mich hoch und rannte humpelnd hinter der Syphmeute her. Als ich an meiner Wohnung angelangt war, traten sie gerade die Türe ein.
Was nun im Einzelnen alles abgegangen ist, daran kann ich mich heute kaum noch recht erinnern. Jedenfalls war es ein höllisches Durcheinander. Brandy, Spiller und die anderen befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Wohnzimmer und hielten von innen die Türe zu, während einige der Angreifer von der Küche her ein Loch in die Türe schlugen und Tränengas in den Raum sprühten. Das Gas machte Brandy und die anderen Leute “kampfunfähig”. Ich versuchte zwar noch die Chaoten von der Türe wegzudrängen, aber das Ergebnis meiner Bemühungen war der Knüppelschlag eines Duisburger Asipunks in meine lädierten Rippen, der mir erstmal die Luft nahm. Sie trampelten über mich weg ins Wohnzimmer und knüppelten auf alles los, was sich ihnen in den Weg stellte. Brandy hat es dabei am Arm und am Kopf erwischt.
Ein türkischer Nachbar hatten inzwischen bei den Bullen angerufen, aber die liessen sich nicht blicken. Ihnen ging der Arsch auf Grundeis, wie sich später herausstellen sollte. Einige der ach so schlauen Härteskins werden jetzt sicher die Frage stellen, warum habt ihr euch von diesem durchgeknallten Mob so einfach aufmischen lassen. Ganz einfach, das Kräfteverhältnis bestand aus acht Skins und eine Frau, denen ca. 25 total enthemmte Punker gegenüberstanden. Und außerdem kam diese Sache so überraschend, dass niemand von uns zu einer vernünftigen Gegenwehr fähig gewesen wäre. Hilfe kam schließlich von einer Seite, mit der ich an diesem Tag nicht mehr gerechnet hatte. Und zwar von Crazy, und einigen seiner bunthaarigen Kumpels, die ich eigendlich auf dem Weg zu einem Punkkonzert in Venlo geglaubt hatte. Ihnen gelang es, den Schlägertrupp von meiner Wohnung wegzudrängten.
Als alles vorbei war, tauchte auch endlich ein Polizeiwagen mit zwei Beamte auf, aber glaubt bloß nicht, die hätten sich auf die “Kiefern” getraut - mit der vielsagenden Begründung „Es sind keine Kräfte frei, und wir sind doch nicht so lebensmüde und fahren da mit zwei Beamte rein“, parkten sie ihre Karre fast 100 Meter weiter auf der Hauptverkehrsstraße, wo sie sich um die verletzten Freunde kümmerten und einen Krankenwagen anforderten. Nachdem die Verletzten im Krankenhaus behandelt worden waren, fuhren alle in die Wohnung von Ralfs Mutter, wärend ich mit Hilfe des türkischen Nachbarn (!) und Crazy, erst mal die eingeschlagenen Fenster mit Bretter vernageln und die Wohnungstüre reparieren musste. Danach fuhr ich in Ralfs Wohnung, dessen Mutter in der folgenden Nacht bei Nachbarn schlief, da sie ihr Schlafzimmer unseren verletzten norddeutschen Freunden zur Verfügung gestellt hatte.
Tja, Leute, so war das damals, am 18. Juli des Jahres 1986. Einige Wochen später habe ich mit Hilfe einiger Freunde von den ANTIIMPS (Anti-Imperialisten) die Strasse in einer heimlichen Nacht- und Nebelaktion verlassen. Es hatte Drohungen gegen mich gegeben, die ich nicht länger ignorieren konnte. In der folgenden Nacht wurde meine verlassene Wohnung abgefackelt.



20. Juli 1986: Spiller und Kollegen auf der Rückfahrt nach Nordeutschland